Karlsruher Schloss über den Bäumen des Schlossgartens, Ausgangspunkt der Flucht des Großherzogs 1849
Das Karlsruher Schloss, Blick über den Schlossgarten. © visiris GmbH

13./14. Mai 1849 Karlsruhe

Die Flucht des Großherzogs

Nachts aus der eigenen Residenz: Wie Großherzog Leopold Karlsruhe verlor

Karlsruhe, in der Nacht vom 13. auf den 14. Mai 1849. Am Zeughaus beim Durlacher Tor hat die Bürgerwehr gerade einen Angriff meuternder Soldaten abgewehrt, in den Straßen der Residenz weiß niemand mehr, wer wem gehorcht. Im Schloss fällt eine Entscheidung, die am Morgen noch undenkbar schien: Großherzog Leopold verlässt mit seiner Familie die Stadt. Was in diesen Stunden beginnt, geht als Flucht des Großherzogs in die Geschichte der Badischen Revolution ein.

Dieser Artikel rekonstruiert, was an diesem 13. Mai in Karlsruhe geschah, auf welchem Weg der Landesherr sein Land verließ und wohin ihn die Flucht führte. Er schließt an den Schwur von Rastatt an, der am selben Abend die Machtfrage in Baden gestellt hatte.

Ein Morgen mit Parade, ein Abend mit Meuterei

Am Morgen des 13. Mai deutet in Karlsruhe noch wenig auf das Ende hin. Leopold nimmt eine Parade ab, bei der die Bürgerwehr auf die Reichsverfassung vereidigt wird. Auch die Linientruppen leisten an diesem Tag den Eid. Ein Widerspruch ist das nicht: Die badische Regierung hatte die Verfassung der Frankfurter Nationalversammlung im April selbst anerkannt.

Doch in der Garnison ist die Stimmung längst gekippt. Seit Tagen verweigern in Rastatt die Soldaten den Gehorsam, wie der Aufstand der Soldaten zeigt. Nun erreicht die Meuterei die Hauptstadt. Im Laufe des Tages ziehen Gruppen von Soldaten durch die Straßen, Kameraden aus Bruchsal kommen hinzu. In der Infanteriekaserne an der Langen Straße, der heutigen Kaiserstraße, liegen rund 2.000 Mann. Am Abend bricht dort die Meuterei aus. Auch das Leibregiment des Großherzogs schließt sich an.

Was dann geschieht, halten die Stadtchronik und das Stadtarchiv Karlsruhe fest: Die Meuterer verwüsten die Kaserne, befreien Gefangene aus dem Rathausturm und ziehen zum Zeughaus am Durlacher Tor, dem Waffenlager der Residenz. Unterwegs treiben sie eine Abteilung großherzoglicher Dragoner auseinander, drei Dragoner sterben. Gegen 22 Uhr erreichen sie das Zeughaus. Dort stellen sich ihnen Bürgerwehr, Artillerie und Pioniere entgegen und wehren den Angriff ab.

Die Flucht des Großherzogs: Ein Plan scheitert im Fasanengarten

Im Schloss ist nun klar, dass sich Leopold auf seine Soldaten nicht mehr verlassen kann. Noch in der Nacht entschließt er sich mit seiner Familie zur Flucht. Der Plan sieht einen kurzen Weg vor: durch den Fasanengarten nach Gottesaue, wo eine Lokomotive bereitsteht, die die Familie nach Frankfurt bringen soll.

Doch im Fasanengarten leiten Offiziere der Bürgerwehr die Familie um. Der Weg am Durlacher Tor vorbei gilt als zu gefährlich, und die Gleise der Eisenbahn sind in der Hand der meuternden Soldaten. Statt mit der Bahn verlässt die großherzogliche Familie Karlsruhe deshalb durch den Hardtwald. Nach der Allgemeinen Deutschen Biographie begleitet sie eine Abteilung Dragoner und Artillerie. Kurz darauf flieht auch die Regierung aus der Stadt.

Leopold ist in diesem Frühjahr nicht der einzige Monarch auf der Flucht. Schon am 4. Mai 1849, einen Tag nach Beginn des Dresdner Maiaufstands, hatte der sächsische König seine Hauptstadt verlassen.

Großherzog Leopold und die Revolution: der Trailer zum Kinofilm

Germersheim, Lauterburg, Koblenz: Wohin die Flucht führte

Das erste Ziel liegt auf der anderen Rheinseite: Germersheim in der Pfalz, die damals zum Königreich Bayern gehört. Dort ist der Großherzog vorerst außer Reichweite der badischen Meuterer. Doch auch in der Pfalz hat sich ein Aufstand für die Reichsverfassung erhoben. Die Reise geht weiter nach Lauterburg im Elsass, auf französischen Boden, und schließlich ins damals preußische Koblenz.

So schildert es das Stadtarchiv Karlsruhe. Die Allgemeine Deutsche Biographie von 1883 nennt nach Germersheim dagegen Mainz und Frankfurt als Stationen. Als Ort des Exils nennen das Stadtarchiv und das Stadtlexikon Karlsruhe übereinstimmend Koblenz, wo die Familie unter preußischem Schutz steht.

Von dort aus versucht Leopold, sein Land zurückzugewinnen. Eigene Truppen, auf die er sich stützen könnte, hat er nicht mehr. Er bittet deshalb den König von Preußen um Hilfe, jenen Friedrich Wilhelm IV., der im April die Kaiserkrone abgelehnt hatte.

Auch das Rumpfparlament, der Rest der Frankfurter Nationalversammlung, der inzwischen in Stuttgart tagt, findet bei ihm keine Unterstützung: Am 13. Juni 1849 verweigert er ihm die Anerkennung.

Historische kolorierte Ansicht der Paulskirche in Frankfurt am Main mit Passanten auf dem Platz
Die Paulskirche in Frankfurt am Main, Tagungsort der Nationalversammlung. Historische Ansicht aus „48/49 – Revolution in Baden.“ © visiris GmbH

Karlsruhe ohne Landesherrn

In der Residenz bleibt eine Stadt zurück, in der es nur wenige Demokraten gibt. Die Bürgerwehr hat das Zeughaus verteidigt, doch ohne Großherzog und ohne Regierung ist niemand mehr da, der das Land führt. Oberbürgermeister Malsch teilt dem Landesausschuss, der in Rastatt tagt, mit, dass sich die Stadt ihm nicht entgegenstellen werde, wenn ihre Sicherheit garantiert sei.

Am 14. Mai zieht der Landesausschuss der Volksvereine feierlich in Karlsruhe ein. Das Ministerium Bekk wird für abgesetzt erklärt, eine Exekutivkommission übernimmt die Regierungsgeschäfte: Lorenz Brentano als Vorsitzender, dazu Amand Goegg, Joseph Ignatz Peter und Karl Eichfeld. Am Abend spricht Brentano vom Balkon des Karlsruher Rathauses zur Bevölkerung, nur einen Tag nach der Verkündung vom Rastatter Rathausbalkon.

Eine Republik ruft niemand aus. Die Offenburger Landesversammlung hatte noch eine Regierung unter dem Großherzog verlangt. Doch der Landesherr ist fort, und für einige Wochen regieren in Karlsruhe die Männer der Revolution. Am 1. Juni bildet Brentano eine provisorische Regierung. Am 10. Juni tritt eine verfassunggebende Versammlung zusammen, das erste deutsche Parlament, das nach allgemeinem, gleichem, direktem und geheimem Wahlrecht für Männer gewählt wurde.

Die Rückkehr unter preußischem Schutz

Die Antwort aus dem Exil kommt im Juni. Preußische Truppen und Bundestruppen unter dem Oberbefehl des Prinzen von Preußen, des späteren Kaisers Wilhelm I., rücken nach Baden vor. Am 20. Juni überqueren die Preußen den Rhein, am 21. Juni siegen sie bei Waghäusel. Am 25. Juni ziehen sie nach dem Gefecht bei Durlach in Karlsruhe ein. Oberbürgermeister Malsch und der Kommandant der Bürgerwehr gehen ihnen entgegen und begrüßen den Prinzen.

Am 23. Juli 1849 kapituliert die Festung Rastatt, die letzte Bastion der Revolution. Erst danach kehrt der Großherzog zurück. Am 18. August 1849, drei Monate nach der Flucht, empfängt ihn Prinz Wilhelm in Maxau am Rhein. Durch das Mühlburger Tor zieht Leopold in seine festlich geschmückte Residenz ein, in der evangelischen Stadtkirche wird ein Dankgottesdienst gefeiert. Die Bürgerwehr, die sich den Revolutionären nicht angeschlossen hatte, begrüßt ihn freudig.

Die Rückkehr hat einen Preis. Leopold nimmt ohne nennenswerten Widerspruch hin, dass nun Preußen im Land das Sagen hat. Das harte Vorgehen der Preußen gegen die Revolutionäre kann er nicht verhindern: Standgerichte fällen Todesurteile, 27 werden in Baden vollstreckt. Der Großherzog stirbt am 24. April 1852 in Karlsruhe.

Steinstatue von Großherzog Leopold von Baden in Uniform, von unten vor blauem Himmel aufgenommen
Die Statue von Großherzog Leopold in Konstanz. Aufnahme aus „48/49 – Revolution in Baden.“ © visiris GmbH

Fazit: Was die Flucht des Großherzogs bedeutete

Die Flucht des Großherzogs war kein geordneter Rückzug, sondern ein Aufbruch in höchster Not. Binnen eines Tages wurde aus der Parade für die Reichsverfassung eine Meuterei, aus dem Landesherrn ein Flüchtling und aus Karlsruhe der Sitz einer Revolutionsregierung. Leopold verlor in dieser Nacht nicht nur seine Residenz, sondern die Kontrolle über sein Land. Zurück gewann er sie nur mit preußischer Hilfe. Den Preis dafür zahlten vor allem jene, die im Frühjahr 1849 auf die Reichsverfassung geschworen hatten.

Wie es weitergeht: Im nächsten Kapitel geht es um die Reichsverfassungskampagne, den Kampf um die Frankfurter Verfassung, der im Frühjahr 1849 weit über Baden hinausreichte. Danach erzählen wir, wie preußische und Bundestruppen die Revolution niederschlugen, wie sich die Revolutionäre in der Festung Rastatt verschanzten, wie sie sich ergeben mussten und in den Kasematten ums Überleben kämpften und welche Strafen folgten, bis hin zu den standrechtlichen Erschießungen.

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So ist dieser Text entstanden: mit Unterstützung von künstlicher Intelligenz und mit dem Wissen der Filmemacher von visiris. Für unseren Dokumentarfilm „48/49 – Revolution in Baden.“ haben wir sieben Jahre lang recherchiert, Historikerinnen und Historiker interviewt und an den Originalschauplätzen gedreht. Viele Inhalte unserer Geschichtstexte haben wir selbst zusammengefasst. Jeden Text prüfen und überarbeiten wir, und für seinen Inhalt stehen wir ein. Ist Ihnen ein Fehler aufgefallen? Schreiben Sie uns an info@badische-revolution.de.

Quellen und Literatur

  1. Stadtarchiv Karlsruhe: Die Revolution 1848/49 in Karlsruhe. https://stadtgeschichte.karlsruhe.de/revolution1848/49
  2. Stadt Karlsruhe: Stadtchronik, 13. Mai 1849. https://web1.karlsruhe.de/db/stadtchronik/detail.php?id=408
  3. Leonhard Müller: Leopold von Baden. Stadtlexikon Karlsruhe. https://stadtlexikon.karlsruhe.de/index.php/De:Lexikon:bio-0569
  4. Ernst Otto Bräunche: Rede vor der Landesvereinigung Baden in Europa, 26. Juli 2025. https://www.lv-baden.de/site/assets/files/1198/rede_braeunche_2025-07-26.pdf
  5. Friedrich von Weech: Leopold, Großherzog von Baden. In: Allgemeine Deutsche Biographie, Band 18 (1883), S. 370 bis 376. https://de.wikisource.org/wiki/ADB:Leopold_(Großherzog_von_Baden)
  6. Bundesarchiv: Schlaglichter einer Revolution, Mai 1849. https://www.bundesarchiv.de/themen-entdecken/online-entdecken/storys/schlaglichter-einer-revolution/mai-1849/
  7. Bundesarchiv: Schlaglichter einer Revolution, Juni 1849. https://www.bundesarchiv.de/themen-entdecken/online-entdecken/storys/schlaglichter-einer-revolution/juni-1849/
  8. Landeskunde Baden-Württemberg: Badische Revolution 1848/1849. https://www.landeskunde-baden-wuerttemberg.de/revolution-1848
  9. Wikipedia: Leopold (Baden). https://de.wikipedia.org/wiki/Leopold_(Baden)
  10. Wikipedia: Badische Revolution. https://de.wikipedia.org/wiki/Badische_Revolution
  11. Wikipedia: Dresdner Maiaufstand. https://de.wikipedia.org/wiki/Dresdner_Maiaufstand

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