
Die Schlacht bei Waghäusel
Der Tag, an dem die Front zerbrach
Rund um die Zuckerfabrik von Waghäusel liegt am 21. Juni 1849 Pulverdampf über den Feldern. Seit dem Morgen greifen badische Soldaten die preußischen Stellungen an, und gegen Mittag scheint es, als hätten sie es geschafft: Die Preußen räumen die Fabrik und weichen zurück. Doch der Erfolg hält nur Stunden. Am Nachmittag kehrt die badische Reiterei um, und die Truppen ziehen sich in völligem Durcheinander zurück. Am Abend ist aus dem Sieg eine Niederlage geworden, die den ganzen Feldzug entscheidet. Das Gefecht bei Waghäusel ist der Anfang vom Ende der Badischen Revolution.
Dieser Artikel rekonstruiert die entscheidenden Junitage des Jahres 1849: den Aufmarsch der preußischen Interventionsarmee, den Rheinübergang bei Germersheim, das Gefecht bei Waghäusel und den Rückzug der Revolutionsarmee bis an die Murg.
Auf einen Blick: Das Gefecht bei Waghäusel fand am 21. Juni 1849 zwischen Mannheim und Karlsruhe statt. Die badische Revolutionsarmee unter General Ludwik Mierosławski griff dort preußische Truppen an, die am Vortag bei Germersheim über den Rhein gesetzt hatten. Nach anfänglichen Erfolgen endete das Gefecht mit der Flucht der Badener. Um nicht eingeschlossen zu werden, gab die Revolutionsarmee ihre Stellungen am Neckar auf und zog sich bis an die Murg zurück.
Preußen marschiert: Die Interventionsarmee
Nach dem Aufstand der Soldaten im Mai 1849 regierte in Karlsruhe eine provisorische Revolutionsregierung. Großherzog Leopold war geflohen und hatte den König von Preußen um Hilfe gebeten. Preußen stellte zwei Armeekorps auf. Das 1. Korps führte Generalleutnant Moritz von Hirschfeld, das 2. Korps General Karl von der Groeben. Hinzu kam ein Korps aus Truppen des Deutschen Bundes unter dem preußischen General Eduard von Peucker.
Den Oberbefehl über die preußischen Truppen führte der Bruder des Königs, Prinz Wilhelm von Preußen. Bei den Demokraten hieß er der „Kartätschenprinz“. Wenige Wochen zuvor hatte sein Bruder Friedrich Wilhelm IV. die Kaiserkrone der Nationalversammlung ausgeschlagen. Nun sollte der Prinz die Bewegung niederschlagen, die für eben jene Reichsverfassung kämpfte.

Die Interventionstruppen zählten rund 70.000 Mann, die badisch-pfälzische Revolutionsarmee etwa 45.000. Ihr fehlte es zudem an erfahrenen Offizieren, und viele ihrer Kämpfer waren Volkswehrmänner ohne lange Ausbildung.
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Die Neckarlinie und der Fall der Pfalz
Den Oberbefehl über die Revolutionsarmee übernahm im Juni der polnische General Ludwik Mierosławski. Er löste Franz Sigel ab, der die Truppen bis dahin geführt hatte. Mierosławski sammelte seine Armee am Neckar zwischen Mannheim und Heidelberg. Mitte Juni kam es dort zu ersten Gefechten, unter anderem bei Käfertal und Ladenburg.
Währenddessen besetzte Hirschfelds Korps die Pfalz. Am 11. Juni hatte seine Vorhut bei Kreuznach die Grenze überschritten, schon eine Woche später zogen sich die Reste der pfälzischen Revolutionstruppen über die Knielinger Rheinbrücke nach Baden zurück. Mehr über diese Wochen erzählt der Wikipedia-Artikel zum Pfälzischen Aufstand.
Der Rheinübergang bei Germersheim
Statt die Badener am Neckar frontal anzugreifen, wählte Hirschfeld einen anderen Weg. Am 20. Juni 1849 setzten seine Truppen von Germersheim nach Rheinsheim über den Rhein und standen damit im Rücken der Revolutionsarmee. Die badischen Freischärler, die den Übergang sichern sollten, zogen sich ohne Gegenwehr über Philippsburg in Richtung Wiesental zurück.
Eine preußische Husarenschwadron, bei der auch Prinz Friedrich Karl von Preußen ritt, setzte ihnen nach. Bei Wiesental kam es zum Gefecht: Sechs Husaren fielen, der Prinz und sein Adjutant wurden verwundet, und die Preußen zogen sich nach Philippsburg zurück. Mierosławski erkannte die Gefahr und warf den größten Teil seiner Armee den Preußen entgegen.

Das Gefecht bei Waghäusel
Am Morgen des 21. Juni trafen die Heere bei Waghäusel aufeinander. Vor neun Uhr hatten die Badener den Ort umstellt. Die 1. preußische Division hatte sich in der Zuckerfabrik, der Kirche und dem Postgebäude verschanzt. Gegen Mittag eroberten die Badener die Fabrik, die Preußen wichen in Richtung Philippsburg zurück. Für einen Moment sah es nach einem Sieg der Revolution aus.

Doch inzwischen war eine zweite preußische Division von Forst her gegen Wiesental vorgerückt und hatte um die Mittagszeit Stellung bezogen. Dort befehligte Franz Sigel die Badener, ab halb drei wurde gekämpft. Oberst Beckert sollte ihm mit der Reiterei aus Waghäusel zu Hilfe kommen. Er schätzte die Lage falsch ein, glaubte sich umzingelt und kehrte um. Daraufhin zogen sich auch die übrigen Truppen bei Waghäusel in völligem Durcheinander in Richtung Heidelberg zurück. Sigel rettete sich nur mit Mühe nach Kirrlach. Eine ausführliche Darstellung bietet der Wikipedia-Artikel zum Gefecht bei Waghäusel.

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Rückzug in letzter Minute
Nach dem Gefecht bei Waghäusel war die Lage verzweifelt. Die Preußen konnten nun nach Süden vorstoßen, und die Hauptarmee am Neckar drohte eingeschlossen zu werden. Mierosławski gab die Neckarlinie auf. Nur in Eilmärschen entkam die Armee der Umklammerung, buchstäblich in letzter Minute.
Am 25. Juni 1849 kam es bei Durlach zum nächsten Rückzugsgefecht. Dort stellte sich Johann Philipp Becker, der Befehlshaber der Volkswehr, den Preußen entgegen. Für Friedrich Engels, der den Feldzug als Adjutant von August Willich mitmachte, war Beckers Gefecht bei Durlach später die glänzendste Episode des ganzen Feldzugs.
Noch am selben Tag zogen die Preußen in Karlsruhe ein. Die Revolutionsregierung floh über Rastatt und Offenburg nach Freiburg. Die Armee, durch Verluste, Auflösung und Desertionen stark geschrumpft, bezog an der Murg eine letzte Verteidigungslinie. Sie reichte von Steinmauern am Rhein über die Festung Rastatt bis nach Gernsbach.
Warum Waghäusel den Feldzug entschied
Bis zum 20. Juni hatte die Revolutionsarmee ihre Front gehalten. Der Rheinübergang bei Germersheim hebelte diese Verteidigung aus, und das verlorene Gefecht bei Waghäusel machte den Rückzug unvermeidlich. Mit Nordbaden gingen die Hauptstadt, Vorräte und viel Vertrauen verloren. Nach dem Gefecht bei Waghäusel hatte die Revolutionsarmee die Initiative endgültig verloren.
Wenn Sie Waghäusel heute besuchen, finden Sie dort mehrere Denkmäler. Im Ortsteil Wiesental erinnert ein Husarendenkmal an die gefallenen preußischen Reiter. Es wurde am zweiten Jahrestag des Gefechts eingeweiht, am 20. Juni 1851, in Anwesenheit von Otto von Bismarck. Gegenüber stellte der Heimatverein 2001 einen Gedenkstein für die Freischärler auf, mit einem Heckerhut und einer Inschrift, die mit den Worten „In dankbarer Erinnerung an die Freiheitskämpfer“ beginnt. Seit 1999 steht nahe der Eremitage außerdem ein Freiheitsdenkmal des Speyerer Künstlers Franz-Werner Müller-Steinfurt mit der Inschrift „Den Wegbereitern der Demokratie“.
Fazit: Ein Sieg, der keiner blieb
Das Gefecht bei Waghäusel zeigt die Stärken und die Schwächen der Revolutionsarmee an einem einzigen Tag. Ihre Soldaten konnten angreifen und eine befestigte Stellung erobern. Doch eine Fehleinschätzung der Reiterei genügte, um den Erfolg in eine Flucht zu verwandeln, und es fehlten Reserven, um die Lage zu retten. Gegen eine gut geführte Übermacht reichte der Mut allein nicht aus.
Wie die Revolutionsarmee an der Murg ein letztes Mal Stellung bezog und sich schließlich in die Schweiz zurückzog, zeigt das nächste Kapitel: Der Rückzug in die Schweiz.
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Quellen und Literatur
- Wikipedia: Gefecht bei Waghäusel. https://de.wikipedia.org/wiki/Gefecht_bei_Waghusel
- Wikipedia: Pfälzischer Aufstand. https://de.wikipedia.org/wiki/Pflzischer_Aufstand
- Wikipedia: Gefechte an der Murglinie. https://de.wikipedia.org/wiki/Gefechte_an_der_Murglinie
- Wikipedia: Badische Revolution. https://de.wikipedia.org/wiki/Badische_Revolution
- Heimatverein Wiesental, Museum im Alten Rathaus: Badische Revolution 1848/49. https://www.museum-wiesental.de/heimatmuseum/ortsgeschichte/badische-revolution/
- Orte der Demokratiegeschichte: Freiheitsdenkmal Waghäusel. https://www.demokratie-geschichte.de/karte/4234
- Bundesarchiv: Schlaglichter einer Revolution, Juni 1849. https://www.bundesarchiv.de/themen-entdecken/online-entdecken/storys/schlaglichter-einer-revolution/juni-1849/
- Stadtarchiv Karlsruhe: Die Revolution 1848/49 in Karlsruhe. https://stadtgeschichte.karlsruhe.de/revolution1848/49
- Die Rheinpfalz: Ein Revolutionsgeneral (über Johann Philipp Becker). https://www.rheinpfalz.de/pfalz_artikel,-ein-revolutionsgeneral-_arid,5144936.html
- Friedrich Engels: Die deutsche Reichsverfassungskampagne. Hamburg 1850.
