Preußische Soldaten mit Pickelhauben und geschulterten Gewehren marschieren durch Schilf, von hinten
Preußische Truppen auf dem Marsch. Nachstellung für „48/49 - Revolution in Baden.“ © visiris GmbH

28. Juni bis 12. Juli 1849 Murg, Schwarzwald, Schweizer Grenze

Der Rückzug in die Schweiz

Über den Rhein ins Exil

Am 12. Juli 1849 erreichen die letzten Kämpfer der badischen Revolutionsarmee den Rhein. Hinter ihnen liegen zwei Wochen Rückzug, durch das Rheintal, über den Schwarzwald und an die Grenze. Vor ihnen stehen Schweizer Soldaten, die ihnen die Waffen abnehmen. Wer hier übertritt, lässt nicht nur sein Gewehr zurück, sondern oft auch seine Heimat für viele Jahre. Mit dem Rückzug in die Schweiz 1849 endet der Kampf der Revolutionsarmee auf offenem Feld. Nur die Festung Rastatt hält noch aus.

Dieser Artikel rekonstruiert die letzten Wochen der Revolutionsarmee: die Kämpfe an der Murglinie, den Zerfall der Führung, den Marsch durch Südbaden und den Übertritt in die Schweiz.

Auf einen Blick: Vom 28. bis 30. Juni 1849 verteidigte die Revolutionsarmee ihre letzte Stellung an der Murg zwischen dem Rhein und Gernsbach. Nachdem Gernsbach gefallen war, brach die Front zusammen, und die Armee zog sich nach Süden zurück. Zwischen dem 8. und dem 12. Juli 1849 überschritten nach Schätzung der Schweizer Behörden rund 9.200 Mann die Grenze, dazu Hunderte Pferde und etwa 60 Geschütze. Die Schweiz entwaffnete und internierte sie.

Die Murglinie: Die letzte Stellung

Nach der Niederlage im Gefecht bei Waghäusel hatte General Ludwik Mierosławski seine Truppen an die Murg geführt. Die Verteidigungslinie reichte von Steinmauern am Rhein über die Festung Rastatt bis nach Gernsbach, rund 22 Kilometer. Die Revolutionsarmee, die nach dem Aufstand der Soldaten im Mai entstanden war, war durch Verluste und Desertionen auf etwa 13.000 Mann zusammengeschmolzen. Ihr gegenüber standen rund 60.000 Soldaten der preußischen und der Bundestruppen.

Vom 28. bis 30. Juni griffen die Preußen die Linie an. Am Federbach vor Rastatt und bei Bischweier wurde erbittert gekämpft, bei Bischweier fast vierzehn Stunden lang. Bei Muggensturm geriet am 29. Juni der Bonner Dichter und Professor Gottfried Kinkel verwundet in preußische Gefangenschaft.

Entschieden wurde der Kampf jedoch weiter oben im Murgtal. Das Neckarkorps unter General Eduard von Peucker war über das Albtal auf württembergisches Gebiet gezogen und griff Gernsbach an. Nach vier Stunden heftiger Gefechte, auch in den Häusern, musste die Stadt aufgegeben werden. Bei Ottenau und Oberndorf brach daraufhin der rechte Flügel der Revolutionsarmee zusammen. Mit dem Ruf „Wir sind umgangen!“ verließen die Soldaten dort ihre Stellungen.

Wie die Revolution in Baden endete: der Trailer zum Kinofilm

Kuppenheim: Das Ende der Murgfront

Am 30. Juni gegen 11 Uhr ging das 1. preußische Korps zwischen Rotenfels und Oberndorf über die Murg, wo die Stellungen bereits verlassen waren. Bei Kuppenheim stellte sich ihm noch einmal Johann Philipp Becker mit Linientruppen, Volkswehren und den Arbeiterbataillonen aus Mannheim und Karlsruhe entgegen, um den Rückzug zu decken. Schließlich musste auch er die Stellung aufgeben.

Preußische Soldaten mit Gewehren stürmen durch ein Waldstück
Preußische Soldaten im Gefecht. Nachstellung für „48/49 – Revolution in Baden.“ © visiris GmbH

Am Abend des 30. Juni war die Festung Rastatt eingeschlossen. Rund 6.000 Revolutionäre saßen hinter ihren Wällen fest, wie das Kapitel über die Belagerung von Rastatt erzählt. Die übrigen Truppen zogen sich nach Süden zurück.

Die Führung zerfällt

Auch die politische Führung löste sich auf. Die verfassunggebende Versammlung war nach Freiburg ausgewichen. Nach ihrer Sitzung am 28. Juni im Basler Hof trat Regierungschef Lorenz Brentano zurück und verließ die Stadt, am 1. Juli war er bereits in der Schweiz. Amand Goegg und Kriegsminister Werner bildeten daraufhin eine „provisorische Regierung von Baden mit diktatorischer Gewalt“. Mierosławski legte am 1. Juli in Offenburg den Oberbefehl nieder und ging einen Tag später bei Basel in die Schweiz. Auch Gustav Struve, der im September 1848 mit dem Struve-Putsch gescheitert war, überschritt am 2. Juli die Grenze.

Den Oberbefehl übernahm noch einmal Franz Sigel. In Freiburg ordnete er am 3. Juli die Reste der Armee, rund 7.000 Mann, in drei Divisionen und zog mit ihnen über den Schwarzwald nach Osten.

Rückzug in die Schweiz 1849: Durch den Schwarzwald an die Grenze

Am 5. Juli erreichte Sigel Donaueschingen. Doch das Neckarkorps rückte über württembergisches Gebiet heran und zwang ihn zum Ausweichen. Am 7. Juli zog Prinz Wilhelm von Preußen an der Spitze seiner Truppen in Freiburg ein. Sigel wich nach Tengen aus, wo sich seine Kolonne teilte: Goegg zog mit einer Abteilung nach Konstanz, Sigel mit der größeren über Stühlingen nach Baltersweil nahe der Grenze. Eine weitere Kolonne unter Ludwig Blenker marschierte durch das Rheintal über Lörrach nach Rheinfelden.

Preußische Soldaten mit Pickelhauben und geschulterten Gewehren marschieren durch Schilf, von hinten
Preußische Truppen auf dem Marsch. Nachstellung für „48/49 – Revolution in Baden.“ © visiris GmbH

Manche wollten sich noch nicht geschlagen geben. Friedrich Engels, Adjutant im Freikorps von August Willich, hielt später fest, man hätte nahe der Schweizer Grenze noch ein letztes Gefecht wagen können. Doch dazu kam es nicht mehr.

Entwaffnet und interniert: Ankunft in der Schweiz

Erste Gruppen hatten schon am 2. Juli die Grenze überschritten. Der große Übertritt folgte zwischen dem 8. und dem 12. Juli 1849, unter anderem bei Basel, Rheinfelden, Säckingen, Eglisau, Rheinau und Kreuzlingen. Sigel kam am 11. Juli mit rund 1.400 Mann, am 12. Juli folgten die etwa 700 Freiwilligen Willichs. Die Schweizer Behörden zählten im Juli 1849 rund 9.200 badische Flüchtlinge, insgesamt ist von etwa 10.000 Mann die Rede. Eine ausführliche Übersicht bietet der Wikipedia-Artikel zum Rückzug der badischen Revolutionsarmee in die Schweiz.

Die junge Schweiz, erst seit 1848 ein Bundesstaat, bestand auf ihrer Neutralität. Jeder Übertretende musste seine Waffen abgeben, die Männer wurden interniert. Weil der Bundesrat einen preußischen Einmarsch fürchtete, verstärkte er die Truppen an der Nordgrenze bis zum 24. Juli auf 28.000 Mann. Viele der Flüchtlinge zogen in den folgenden Jahren weiter, nicht wenige nach Nordamerika.

Fazit: Eine Armee geht ins Exil

Innerhalb von zwei Wochen verlor die Revolution erst ihre Front an der Murg und dann das ganze Land. Der Rückzug in die Schweiz rettete Tausenden Kämpfern die Freiheit, denn wer in Baden gefangen wurde, musste mit Haft und mit den Standgerichten rechnen. Für viele von ihnen begann damit ein Leben im Exil, das sie in die Schweiz, nach England und nach Amerika führte. Wenn Sie heute die Grenzorte am Hochrhein besuchen, stehen Sie an den Stellen, an denen der Feldzug der Revolutionsarmee zu Ende ging.

Wie die Eingeschlossenen in Rastatt noch drei Wochen durchhielten, ohne vom Ende draußen zu wissen, zeigt das nächste Kapitel: Die Belagerung von Rastatt.

Erleben Sie die Badische Revolution an ihren Originalschauplätzen: Unser Dokumentarfilm „48/49 – Revolution in Baden.“ erzählt die Geschichte von Gustav Struve, Lorenz Brentano, Amand Goegg und vielen anderen. Er läuft jetzt in den Kinos. Alle Termine und Tickets finden Sie auf badische-revolution.de, und mit unserem Newsletter verpassen Sie keine neue Vorstellung.


So ist dieser Text entstanden: mit Unterstützung von künstlicher Intelligenz und mit dem Wissen der Filmemacher von visiris. Für unseren Dokumentarfilm „48/49 – Revolution in Baden.“ haben wir sieben Jahre lang recherchiert, Historikerinnen und Historiker interviewt und an den Originalschauplätzen gedreht. Viele Inhalte unserer Geschichtstexte haben wir selbst zusammengefasst. Jeden Text prüfen und überarbeiten wir, und für seinen Inhalt stehen wir ein. Ist Ihnen ein Fehler aufgefallen? Schreiben Sie uns an info@badische-revolution.de.

Quellen und Literatur

  1. Wikipedia: Rückzug der badischen Revolutionsarmee in die Schweiz. https://de.wikipedia.org/wiki/Rckzug_der_badischen_Revolutionsarmee_in_die_Schweiz
  2. Wikipedia: Gefechte an der Murglinie. https://de.wikipedia.org/wiki/Gefechte_an_der_Murglinie
  3. Wikipedia: Badische Revolution. https://de.wikipedia.org/wiki/Badische_Revolution
  4. Wikipedia: Gottfried Kinkel (Schriftsteller). https://de.wikipedia.org/wiki/Gottfried_Kinkel_(Schriftsteller)
  5. Bundesarchiv: Schlaglichter einer Revolution, Juni 1849. https://www.bundesarchiv.de/themen-entdecken/online-entdecken/storys/schlaglichter-einer-revolution/juni-1849/
  6. Schweizerisches Nationalmuseum, Blog: When Baden’s revolutionaries retreated to Switzerland, 2024. https://blog.nationalmuseum.ch/en/2024/07/when-badens-revolutionaries-retreated-to-switzerland/
  7. Friedrich Engels: Die deutsche Reichsverfassungskampagne. Hamburg 1850.

Alle Ereignisse der Badischen Revolution im Zeitstrahl