Blick über die Dächer von Rastatt auf das barocke Residenzschloss und einen Kirchturm
Rastatt heute: Blick über die Dächer der Stadt auf das Residenzschloss. Aufnahme aus „48/49 - Revolution in Baden.“ © visiris GmbH

30. Juni bis 23. Juli 1849 Rastatt

Die Belagerung von Rastatt

Drei Wochen hinter den Wällen

Rastatt, am Abend des 30. Juni 1849. Vor der Stadt schließen preußische Truppen den Ring um die Bundesfestung. Drinnen stehen rund 6.000 Männer, die sich nicht ergeben wollen: badische Soldaten, Volkswehrmänner und Freischärler, dazu die Rastatter Bürgerwehr. Hinter ihnen liegt der verlorene Kampf an der Murg, vor ihnen die Hoffnung, dass draußen noch jemand für die Revolution kämpft. Drei Wochen lang werden sie aushalten. Die Belagerung von Rastatt ist das letzte Kapitel der Badischen Revolution, das mit Waffen geschrieben wird.

Dieser Artikel rekonstruiert, wie sich die Revolutionäre in der Festung verschanzten, wie sie mit Ausfällen und einer eigenen Zeitung durchzuhalten versuchten und warum sie am 23. Juli 1849 kapitulierten. Was danach mit ihnen geschah, erzählt das Kapitel über die Gefangenen in den Kasematten.

Auf einen Blick: Die Belagerung von Rastatt dauerte vom 30. Juni bis zum 23. Juli 1849. Rund 6.000 Revolutionäre unter Festungsgouverneur Gustav Tiedemann hielten die Bundesfestung gegen etwa 12.500 preußische Soldaten unter General Karl von der Groeben. Nachdem die übrige Revolutionsarmee in die Schweiz ausgewichen war, kapitulierte die Besatzung am 23. Juli 1849 auf Gnade und Ungnade.

Die Bundesfestung wird zur letzten Zuflucht

Seit 1842 ließ der Deutsche Bund Rastatt zur Festung ausbauen, die Arbeiten dauerten bis in die 1850er Jahre. Im Mai 1849 hatte hier der Aufstand begonnen: Ab dem 9. Mai verbrüderten sich die Soldaten der Garnison mit der Bürgerwehr, wie der Artikel über den Aufstand der Soldaten erzählt. Am 13. Mai wurden Bürgerwehr und Soldaten beim Schwur von Rastatt auf die Reichsverfassung vereidigt.

Rosafarbene Barockfassade des Rastatter Residenzschlosses hinter einem Baum, von unten aufgenommen
Das Residenzschloss in Rastatt. Aufnahme aus „48/49 – Revolution in Baden.“ © visiris GmbH

Nach dem Zusammenbruch der Murglinie wurde die Festung zur letzten Zuflucht der Revolutionsarmee. Wie viele Männer genau eingeschlossen waren, ist nicht sicher. Das Bundesarchiv nennt rund 6.000, die Chronik bei Wikipedia etwa 6.500 Kämpfer und 180 Offiziere, dazu die Rastatter Bürgerwehr. Fast neun von zehn waren Badener. Sie verfügten über 16 Feldgeschütze und rund 550 Festungsgeschütze, von denen allerdings nicht alle einsatzbereit waren. Ihnen gegenüber lag das 2. preußische Korps unter General Karl von der Groeben mit rund 12.500 Soldaten und etwa 30 Feldgeschützen.

Schon vor der Einschließung hatte die Revolutionsregierung am 24. Juni 16 Beamte und Geistliche aus dem Murgtal und aus Baden-Baden in der Festung festsetzen lassen, um sie als Geiseln zu nutzen. Amand Goegg verhinderte, dass es dazu kam.

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Tiedemann übernimmt das Kommando

An die Spitze der Festung trat Oberst Gustav Tiedemann. Der Kriegsrat bestätigte ihn am 4. Juli als Gouverneur. Stadtkommandant wurde Oberst Ernst von Biedenfeld, Chef des Generalstabs Oberstleutnant Otto von Corvin, der auch die Verhandlungen mit den Belagerern führte.

Schon am 2. Juli forderte Groeben zum ersten Mal die Übergabe. Tiedemann lehnte ab. Drei Tage später ließ Groeben Aufforderungen zur Übergabe über die Murg in die Stadt treiben. Auch sie blieben ohne Wirkung.

Die Belagerung von Rastatt: Ausfälle und Beschuss

Die Eingeschlossenen blieben nicht untätig. Am 6. Juli wagten sie einen Ausfall nach Rheinau und erbeuteten 16 Wagenladungen Lebensmittel. Die Preußen verloren dabei zwei Tote und acht Verwundete. Ab dem 7. Juli lag die Stadt unter Beschuss, mit Splittergranaten und Brandbomben. In der Kapellenstraße starben sechs Zivilisten.

Am 8. Juli scheiterte ein Ausfall bei Rauental und Niederbühl. Rund 100 Freischärler fielen, ohne dass ein einziges Geschütz erbeutet wurde. Am 9. Juli zogen gegen Tiedemanns Befehl 600 bis 800 Mann noch einmal gegen Rheinau. Vier von ihnen fielen im Kampf. Otto von Corvin schätzte, dass weitere zehn bis zwölf Männer getötet wurden, als sie schon wehrlos waren.

Blick über die Dächer von Rastatt auf das barocke Residenzschloss und einen Kirchturm
Rastatt heute: Blick über die Dächer der Stadt auf das Residenzschloss. Aufnahme aus „48/49 – Revolution in Baden.“ © visiris GmbH

Der Festungsbote: Eine Zeitung gegen die Verzweiflung

Um die Moral zu stärken, gab der Journalist Ernst Elsenhans vom 7. Juli an eine Zeitung für die Eingeschlossenen heraus: den „Festungsboten“. Bis zum 22. Juli erschienen 14 Nummern. Das Blatt sollte den Kampfgeist wachhalten und stritt die Niederlage der Revolutionsarmee draußen im Land ab. Für Elsenhans hatte die Zeitung tödliche Folgen: Nach der Kapitulation sprach ihn das Standgericht des Hochverrats und der Aufreizung zu fortgesetztem Widerstand schuldig. Obwohl er nach Angaben des Bundesarchivs selbst nicht gekämpft hatte, wurde er am 7. August 1849 als Erster in Rastatt erschossen.

Dabei war die Revolution draußen längst verloren. Zwischen dem 8. und dem 12. Juli 1849 überschritten die letzten Einheiten der Revolutionsarmee die Grenze zur Schweiz, wie das Kapitel über den Rückzug in die Schweiz erzählt. Rastatt kämpfte allein.

Der Erkundungsritt: „Es ist alles aus!“

Um sich selbst ein Bild zu machen, durften zwei Offiziere der Besatzung die Festung verlassen: Otto von Corvin und Major Lang. Vom 18. bis zum 21. Juli 1849 reisten sie unter Bewachung über Freiburg und Donaueschingen bis nach Konstanz. Überall bot sich ihnen dasselbe Bild: Baden war besetzt, auf Entsatz war nicht zu hoffen. Zurück in Rastatt, fasste Corvin seinen Bericht vor dem Kriegsrat am 21. Juli in einem Satz zusammen: „Es ist alles aus!“

Animiertes Porträt von Otto von Corvin mit Schnurrbart, in Sepiatönen
Otto von Corvin. Animation aus „48/49 – Revolution in Baden.“ © visiris GmbH

Das Ende der Belagerung

Am 22. Juli verlangte Groeben die Übergabe auf „Gnade und Ungnade“ und stellte ein Ultimatum. Tiedemann bat schriftlich um mildere Bedingungen, doch Groeben lehnte jede Verhandlung ab. Am Abend stimmte der Kriegsrat mit Mehrheit für die Kapitulation. Am Vormittag des 23. Juli 1849 unterzeichneten Oberst von Biedenfeld und Oberstleutnant von Corvin im preußischen Hauptquartier die Übergabe. Am Nachmittag legte die Besatzung vor den Toren der Festung die Waffen nieder.

Die Preußen zählten während der Belagerung 12 Tote und 98 Verwundete. In der Festung aber war schon vor der Kapitulation Typhus ausgebrochen. Für die Verteidiger begann nun eine Zeit, die viele von ihnen nicht überleben sollten.

Blick an den Beinen eines Verurteilten vorbei auf Soldaten in Uniform
Ein Verurteilter vor dem Erschießungskommando. Nachstellung für „48/49 – Revolution in Baden.“ © visiris GmbH

Fazit: Warum Rastatt drei Wochen standhielt

Nach dem Fall der Murglinie hatte die Festung Rastatt keine militärische Aussicht mehr. Dass die Besatzung trotzdem drei Wochen durchhielt, lag an ihren Wällen, an ihrem Mut und an der Unkenntnis der wahren Lage, die der Festungsbote noch nährte. Erst der Erkundungsritt Corvins machte klar, dass niemand mehr kommen würde. Mit der Übergabe endete der bewaffnete Kampf der Badischen Revolution. Eine ausführliche Chronik bietet der Wikipedia-Artikel zur Belagerung der Festung Rastatt.

Was nach der Übergabe mit den Verteidigern geschah, wie sie in den Gewölben der Festung gefangen saßen und ums Überleben kämpften, zeigt das nächste Kapitel: Gefangen in den Kasematten.

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So ist dieser Text entstanden: mit Unterstützung von künstlicher Intelligenz und mit dem Wissen der Filmemacher von visiris. Für unseren Dokumentarfilm „48/49 – Revolution in Baden.“ haben wir sieben Jahre lang recherchiert, Historikerinnen und Historiker interviewt und an den Originalschauplätzen gedreht. Viele Inhalte unserer Geschichtstexte haben wir selbst zusammengefasst. Jeden Text prüfen und überarbeiten wir, und für seinen Inhalt stehen wir ein. Ist Ihnen ein Fehler aufgefallen? Schreiben Sie uns an info@badische-revolution.de.

Quellen und Literatur

  1. Wikipedia: Belagerung der Festung Rastatt. https://de.wikipedia.org/wiki/Belagerung_der_Festung_Rastatt
  2. Wikipedia: Festung Rastatt. https://de.wikipedia.org/wiki/Festung_Rastatt
  3. Wikipedia: Gefechte an der Murglinie. https://de.wikipedia.org/wiki/Gefechte_an_der_Murglinie
  4. Wikipedia: Badische Revolution. https://de.wikipedia.org/wiki/Badische_Revolution
  5. Bundesarchiv: Schlaglichter einer Revolution, Juni 1849. https://www.bundesarchiv.de/themen-entdecken/online-entdecken/storys/schlaglichter-einer-revolution/juni-1849/
  6. Bundesarchiv: Schlaglichter einer Revolution, August 1849. https://www.bundesarchiv.de/themen-entdecken/online-entdecken/storys/schlaglichter-einer-revolution/august-1849/
  7. Stadt Rastatt: Historie der Badischen Revolution. https://www.rastatt.de/kultur-und-freizeit/badische-revolution/historie-badische-revolution
  8. Otto von Corvin: Aus dem Leben eines Volkskämpfers. Amsterdam 1861.
  9. Wolfgang von Hippel: Revolution im deutschen Südwesten. Stuttgart 1998.

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