Rostiges Gittertor vor dem Eingang einer Kasematte, davor Gras
Ein Gittertor vor den Kasematten. Aufnahme aus „48/49 - Revolution in Baden.“ © visiris GmbH

Ab 23. Juli 1849 Rastatt

Gefangen in den Kasematten

Nach der Übergabe: Hinab in die Gewölbe

Rastatt, am Nachmittag des 23. Juli 1849. Abteilung um Abteilung rückt die Besatzung aus dem Tor der Festung und legt schweigend die Waffen nieder. Eine ehrenvolle Kapitulation haben die Preußen verweigert. Der Festungsgouverneur Gustav Tiedemann muss seinen Säbel einem Militärpolizisten aushändigen. Dann führen Soldaten die Männer in die Kasematten, die Gewölbe in den Wällen der Festung. Rund 5.600 Gefangene sind es. Für viele von ihnen beginnt in den Kasematten von Rastatt die schwerste Zeit der Revolution.

Luftaufnahme von Rastatt mit dem Residenzschloss, dahinter die Rheinebene
Rastatt mit dem Residenzschloss von oben. Nach der Kapitulation am 23. Juli 1849 saßen in den Kasematten der Festung rund 5.600 Gefangene. Aufnahme aus „48/49 – Revolution in Baden.“ © visiris GmbH

Dieser Artikel erzählt, was nach der Kapitulation mit den Verteidigern geschah: wie sie in den Kasematten gefangen saßen, wie sie Hunger, Enge und Krankheit erlebten, wer entkam und wie die Haft für viele vor einem Standgericht endete. Er schließt an das Kapitel über die Belagerung von Rastatt an.

Auf einen Blick: Nach der Kapitulation der Festung Rastatt am 23. Juli 1849 wurden 5.596 Gefangene gezählt und in die Kasematten gesperrt. Die Räume waren überfüllt, die Gefangenen litten unter Hunger, Durst und katastrophaler Hygiene. Typhus forderte zahlreiche Opfer, wie viele, ist bis heute unbekannt. Ab August urteilte in Rastatt ein preußisch-badisches Standgericht, 19 Todesurteile wurden in den Festungsgräben vollstreckt.

Was die Kasematten von Rastatt waren

Kasematten sind überwölbte Räume in den Wällen einer Festung, die gegen Beschuss geschützt sind. In Rastatt entstanden sie, als der Deutsche Bund die Stadt ab 1842 zur Bundesfestung Rastatt ausbauen ließ. Gedacht waren sie für Geschütze, Vorräte und die Besatzung. Nach der Kapitulation wurden sie zum Gefängnis. Als Haftort diente unter anderem der Cavalier 1 in der Leopoldsfeste, der bis heute erhalten ist.

Wie eng es dort zuging, lässt sich aus den Zahlen erahnen. Die Stadt Rastatt spricht von rund 5.600 Offizieren, Mannschaften, Freischärlern und Volkswehrmännern, die in den Forts gefangen gesetzt wurden, unter „menschenunwürdigen Bedingungen“. Fast neun von zehn Gefangenen stammten aus Baden. Auch rund 90 Rastatter Bürger wurden verhaftet, darunter Bürgermeister Ludwig Sallinger, der im Mai zum Zivilkommissär ernannt worden war. Wie es dazu kam, erzählt das Kapitel über den Schwur von Rastatt.

Auch in den Kasematten gedreht: der Trailer zum Kinofilm

Hunger, Gestank und Typhus: Die Briefe des Philipp Reiter

Wie der Alltag in den Gewölben aussah, schildert ein Mann, der ihn selbst erlebte: Philipp Reiter. Schon 1848 war er nach dem Heckerzug in die Schweiz geflohen. In der belagerten Festung war er Proviantmeister und für Lebensmittel, Kleidung und Verbandszeug zuständig. Seine Briefe an den Bruder, den Komponisten Ernst Reiter, fand Dieter Zeh in dessen Nachlass. Das Bundesarchiv berichtete 2018 über seinen Vortrag dazu.

Reiter beschreibt völlig überfüllte Räume, Hunger und Durst. Nachts wurden die Gefangenen in enge Gewölbe eingeschlossen, in denen ein kaum erträglicher Gestank herrschte. Auch der Tag brachte keine Erholung: Die Männer mussten schwere Schubkarren schieben, und die Bewacher trieben sie mit Kolbenstößen und Beleidigungen an. Reiter schildert eine schreckliche Behandlung durch die Wachen.

Historische Zeichnung: Gefangene Freischärler liegen und sitzen auf Stroh in einem Gewölbe mit vergittertem Fenster
Friedrich Kaiser: Gefangene Freischärler in einer Rastatter Kasematte, 1850. Wehrgeschichtliches Museum Rastatt. Gemeinfrei, Wikimedia Commons

Die Hygiene war katastrophal, viele Gefangene erkrankten. Am gefährlichsten war der Typhus. Er war schon während der Belagerung in der Festung ausgebrochen und forderte nach der Kapitulation zahlreiche weitere Opfer. Wie viele Gefangene in den Kasematten von Rastatt starben, ist bis heute nicht bekannt.

Für die Gefangenen gab es kaum einen Ausweg. Sie warteten in den Gewölben auf ihr Schicksal, und für viele von ihnen führte der Weg von dort vor ein Gericht.

Gottfried Kinkel: Ein Dichter in Gefangenschaft

Unter den Gefangenen war auch der Bonner Dichter und Professor Gottfried Kinkel. Er war am 29. Juni bei Muggensturm verwundet in Gefangenschaft geraten und zunächst im Rathausturm von Karlsruhe festgehalten worden. Nach der Einnahme Rastatts kam er in die dortigen Kasematten. Am 4. August 1849 verurteilte ihn ein preußisches Kriegsgericht in Rastatt nicht zum Tode, sondern zu lebenslanger Festungshaft.

König Friedrich Wilhelm IV. wandelte die Strafe in Zuchthaus um. Kinkel kam in das Zuchthaus Naugard in Pommern und im Mai 1850 nach Spandau bei Berlin. In der Nacht vom 6. auf den 7. November 1850 befreite ihn dort sein früherer Student Carl Schurz, unterstützt vom Gefängniswärter Georg Brune. Gemeinsam flohen die beiden nach Großbritannien.

Carl Schurz: Flucht durch den Abwasserkanal

Schurz selbst war der Gefangenschaft in Rastatt entgangen. Der junge Student war in der Festung gewesen und entkam zusammen mit Albert Neustädter durch einen Abwasserkanal. Über das Elsass gelangte er in die Schweiz, am 11. August 1849 erreichte er Zürich. Später wanderte er in die USA aus, wurde Senator für Missouri und von 1877 bis 1881 Innenminister unter Präsident Rutherford B. Hayes.

Vor dem Standgericht: Erschossen im Festungsgraben

Zwei Wochen nach der Kapitulation trat in Rastatt ein preußisch-badisches Standgericht zusammen. Am 7. August 1849 wurde das erste Todesurteil vollstreckt: Ernst Elsenhans, der Herausgeber der Festungszeitung „Der Festungsbote“, wurde im Festungsgraben erschossen. Bis zum 20. Oktober folgten 18 weitere Männer, unter ihnen am 11. August Gustav Tiedemann.

Eine Hand zieht mit dem Pinsel die goldene Inschrift auf einem dunklen Gedenkstein für die in Rastatt Erschossenen nach
Ein Gedenkstein erinnert an die in Rastatt Erschossenen. Für „48/49 – Revolution in Baden.“ haben wir gefilmt, wie seine Inschrift nachgezogen wird. © visiris GmbH

Auch Philipp Reiter drohte das Todesurteil. Er entging ihm durch viele Zufälle und wurde zu zehn Jahren Zuchthaus in Bruchsal verurteilt. 1852 wurde er begnadigt, unter der Bedingung, das Land sofort zu verlassen. Er ging in die USA und kehrte erst 1862 nach Deutschland zurück. In Baden wurden bis Mitte 1850 über 1.500 Menschen verurteilt, viele von ihnen in Abwesenheit.

Selbst das Erinnern an die Toten war lange unerwünscht. Ein Denkmal für die in Rastatt Erschossenen lehnte das Gouvernement noch 1874 ab. Es steht erst seit 1899 auf dem Alten Friedhof, und das Wort „Freiheitskämpfer“ durfte erst 1924 darauf.

Die Kasematten heute

Teile der Festung sind bis heute erhalten, darunter der Cavalier 1 mit seiner Contre-Escarpe-Galerie und die Geschützkasematten beim Karlsruher Tor. In der ehemaligen Leopoldsfeste sind rund 500 Meter Gänge für Besucher erschlossen, es werden Führungen angeboten. Im Rastatter Residenzschloss erinnert die Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte an die Revolution. Sie wurde 1974 auf Initiative von Bundespräsident Gustav Heinemann gegründet. Seit dem 1. August 2026 ist sie wegen dringender infrastruktureller Maßnahmen vorübergehend geschlossen.

Rostiges Gittertor vor dem Eingang einer Kasematte, davor Gras
Ein Gittertor vor den Kasematten. Aufnahme aus „48/49 – Revolution in Baden.“ © visiris GmbH

Fazit: Überleben in den Kasematten

Mit der Übergabe von Rastatt war der Kampf vorbei, das Leiden der Verteidiger aber nicht. In den Gewölben der Festung, die sie drei Wochen lang gehalten hatten, warteten Tausende in Enge, Schmutz und Krankheit auf ihr Urteil. Manche starben am Typhus, 19 vor den Gewehren der Exekutionskommandos, andere verbrachten Jahre im Zuchthaus oder gingen ins Exil. Die Kasematten von Rastatt stehen bis heute für den Preis, den die Revolutionäre von 1849 für Freiheit und Verfassung bezahlten.

Wie die Standgerichte in Rastatt, Mannheim und Freiburg über die Revolutionäre urteilten und wie 27 von ihnen den Tod fanden, zeigt das nächste Kapitel: Die Standgerichte 1849.

Erleben Sie die letzten Wochen der Revolution an ihren Originalschauplätzen: Unser Dokumentarfilm „48/49 – Revolution in Baden.“, gedreht auch in den Rastatter Kasematten, erzählt die Geschichte von Otto von Corvin, Amand Goegg, Lorenz Brentano und vielen anderen. Er läuft jetzt in den Kinos. Alle Termine und Tickets finden Sie auf badische-revolution.de, und mit unserem Newsletter verpassen Sie keine neue Vorstellung.


So ist dieser Text entstanden: mit Unterstützung von künstlicher Intelligenz und mit dem Wissen der Filmemacher von visiris. Für unseren Dokumentarfilm „48/49 – Revolution in Baden.“ haben wir sieben Jahre lang recherchiert, Historikerinnen und Historiker interviewt und an den Originalschauplätzen gedreht. Viele Inhalte unserer Geschichtstexte haben wir selbst zusammengefasst. Jeden Text prüfen und überarbeiten wir, und für seinen Inhalt stehen wir ein. Ist Ihnen ein Fehler aufgefallen? Schreiben Sie uns an info@badische-revolution.de.

Quellen und Literatur

  1. Stadt Rastatt: Historie der Badischen Revolution. https://www.rastatt.de/kultur-und-freizeit/badische-revolution/historie-badische-revolution
  2. Wikipedia: Belagerung der Festung Rastatt. https://de.wikipedia.org/wiki/Belagerung_der_Festung_Rastatt
  3. Wikipedia: Festung Rastatt. https://de.wikipedia.org/wiki/Festung_Rastatt
  4. Bundesarchiv: Kolbenstöße und Zwangsarbeit. Erinnerungen eines Revolutionärs an die Rastatter Kasematten, 18. September 2018. https://www.bundesarchiv.de/nachricht/kolbenstoesse-und-zwangsarbeit-erinnerungen-eines-revolutionaers-an-die-rastatter-kasematten/
  5. Bundesarchiv: Schlaglichter einer Revolution, August 1849. https://www.bundesarchiv.de/themen-entdecken/online-entdecken/storys/schlaglichter-einer-revolution/august-1849/
  6. Bundesarchiv: Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte. https://www.bundesarchiv.de/erinnerungsstaette
  7. Wikipedia: Gottfried Kinkel (Schriftsteller). https://de.wikipedia.org/wiki/Gottfried_Kinkel_(Schriftsteller)
  8. Wikipedia: Carl Schurz. https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Schurz
  9. Wikipedia: Badische Revolution. https://de.wikipedia.org/wiki/Badische_Revolution
  10. Kontext Wochenzeitung: Da draußen geht der Preuß. https://www.kontextwochenzeitung.de/zeitgeschehen/711/da-draussen-geht-der-preuss-9812.html
  11. German History Intersections: Quellendokument zum Rastatter Denkmal (nach Förderer 1899). https://germanhistory-intersections.org/de/deutschsein/ghis:document-319

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