Der Aufstand der Soldaten

Mai 1849 Offenburg, Rastatt & Karlsruhe

Als die Soldaten die Seiten wechselten: Die Geburt der Revolutionsarmee

Rastatt, in der Nacht zum 11. Mai 1849. In den Kasematten der mächtigen Bundesfestung liegt eine spürbare Spannung in der Luft. Seit Tagen wächst der Unmut unter den einfachen Soldaten – über schlechten Sold, über schikanierende Offiziere und über den Befehl, auf die eigenen, für die Verfassung kämpfenden Landsleute anzulegen. Dann bricht sich der Zorn Bahn. Die Mannschaften verweigern den Gehorsam, entwaffnen ihre Vorgesetzten und öffnen die Tore. Was in dieser Nacht in Rastatt geschieht, ist der Wendepunkt der gesamten Erhebung und der Beginn des Mai-Aufstands in Baden: Zum ersten Mal läuft das Militär zum Volk über.

Dieser Artikel erzählt, wie aus meuternden Soldaten, bewaffneten Bürgern und Freischärlern binnen weniger Tage eine echte Revolutionsarmee wurde – von der Meuterei in der Festung Rastatt über den Volkszug von Offenburg auf die Hauptstadt Karlsruhe bis zu dem denkwürdigen Moment, in dem das Volk vom Balkon des Rastatter Rathauses auf die Revolution vereidigt wurde.

Die Meuterei von Rastatt: Eine Festung fällt von innen

Die Ablehnung der Kaiserkrone durch den preußischen König hatte die letzte Hoffnung auf eine friedliche Einigung zerschlagen. Doch anders als beim gescheiterten Heckerzug oder beim Struve-Putsch stand nun ein entscheidender Faktor auf der Seite der Revolution: die Männer und Waffen des Staates selbst. In der Bundesfestung Rastatt, dem militärischen Rückgrat der Reaktion im Südwesten, hatte sich die Stimmung längst gedreht.

Die Soldaten der badischen Armee waren keine abgehobene Kaste, sondern Söhne von Handwerkern, Bauern und Tagelöhnern – Männer aus genau jenem Volk, dessen Forderungen sie niederhalten sollten. Als die Offiziere den Befehl gaben, gegen die Reichsverfassungsbewegung vorzugehen, kippte die Loyalität. In der Nacht zum 11. Mai 1849 meuterte die Garnison. Die Soldaten verhafteten ihre Kommandanten, verbrüderten sich mit den herbeigeeilten Bürgern und hissten die schwarz-rot-goldene Fahne über der Festung. Der Fall des mächtigsten Bollwerks der Region – nicht durch Belagerung, sondern durch den Willen der eigenen Mannschaften – wirkte wie ein Fanal im ganzen Land.

Die Kasematten von Rastatt lassen sich bis heute betreten. Für „48/49 – Revolution in Baden.“ haben wir dort gedreht, wo die Garnison meuterte.

Ein Flächenbrand und die Flucht des Großherzogs

Die Nachricht aus Rastatt verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Innerhalb von Stunden griff die Meuterei auf weitere Standorte über. In Karlsruhe, Bruchsal und anderen Garnisonen verweigerten die Truppen den Gehorsam oder schlossen sich offen der Bewegung an. Der Staatsapparat des Großherzogtums, der über Jahrzehnte auf die Treue seiner Armee gebaut hatte, löste sich innerhalb weniger Tage auf.

Für Großherzog Leopold wurde die Lage in seiner Residenz unhaltbar. Ohne verlässliche Truppen, umringt innerhalb der aufständischen Hauptstadt, blieb ihm nur ein Ausweg. Am 13. Mai 1849 floh der Regent Hals über Kopf aus Karlsruhe und suchte Schutz jenseits der Landesgrenze. Zum ersten und einzigen Mal in der gesamten Deutschen Revolution war ein regierender Fürst tatsächlich von seinem eigenen Volk vertrieben worden. Die Macht lag nun buchstäblich auf der Straße – bereit, ergriffen zu werden.

Der Volkszug von Offenburg auf die Hauptstadt

Das Zentrum der Bewegung schlug erneut dort, wo schon 1847 die Forderungen des Volkes proklamiert worden waren: in der Freiheitsstadt Offenburg. Am 13. Mai 1849 strömten Zehntausende zu einer gewaltigen Landesversammlung zusammen, einberufen vom Landesausschuss der badischen Volksvereine unter der Führung des Radikaldemokraten Amand Goegg. Hier wurde nicht mehr nur diskutiert – hier organisierte sich die Machtübernahme.

Aus der Versammlung erwuchs ein Volkszug, der sich entschlossen in Richtung der verwaisten Hauptstadt Karlsruhe in Bewegung setzte. Es war kein geordneter Militärmarsch, sondern ein flutartiger Zug aus bewaffneten Bürgern, Turnern, Freischärlern und übergelaufenen Soldaten. Sensen und Jagdgewehre mischten sich mit den erbeuteten Musketen der regulären Armee. Anders als beim einsamen Marsch Heckers durch den Schwarzwald wuchs dieser Zug mit jedem Dorf an, das er durchquerte. Das Volk marschierte nun nicht mehr gegen eine übermächtige Armee – es marschierte mit ihr.

In Karlsruhe übernahm eine provisorische Landesregierung die Geschäfte. Amand Goegg, treibende Kraft der Volksvereine, gehörte zu ihren führenden Köpfen; wenig später übernahm der Advokat Lorenz Brentano als Regierungschef die Führung der jungen badischen Republik. Zum ersten Mal in Deutschland regierte eine aus der Revolution hervorgegangene Regierung ein ganzes Land.

Der Schwur vom Balkon: Die Vereidigung in Rastatt

Kein Ort verkörperte den Triumph der Revolution so sehr wie Rastatt. Vor dem Rathaus der Stadt drängten sich Soldaten und Bürger, Freischärler und Familien zu einer einzigen, jubelnden Masse. Und dann kam jener Augenblick, der wie kein zweiter den Bund zwischen Militär und Volk besiegelte.

Vom Balkon des Rastatter Rathauses aus wurde das versammelte Volk feierlich auf die Revolution und die Reichsverfassung vereidigt. Tausende Hände reckten sich in die Höhe, tausende Stimmen sprachen den Schwur. Was zuvor undenkbar war, dass Soldaten und Zivilisten Seite an Seite denselben Eid auf die Freiheit leisteten, wurde hier real. Dieser Schwur war mehr als eine Formalie: Er machte aus einer chaotischen Erhebung eine legitimierte Bewegung mit einem gemeinsamen Ziel.

Die Geburt der badischen Revolutionsarmee

Aus dem Chaos der ersten Maitage formte sich nun etwas, das es in Deutschland zuvor nie gegeben hatte: eine schlagkräftige, revolutionäre Volksarmee. Sie speiste sich aus drei Quellen:

  • Die übergelaufenen Linientruppen: Erfahrene, ausgebildete und vor allem bewaffnete Soldaten der ehemaligen großherzoglichen Armee bildeten das militärische Rückgrat.
  • Die Volkswehr und Bürgerwehren: Bewaffnete Bürger aus den Städten und Gemeinden, die schon in den Vorjahren organisiert worden waren.
  • Die Freischärler und Freiwilligen: Idealisten aus ganz Deutschland und dem europäischen Ausland, die für die Sache der Freiheit nach Baden strömten.

Zum ersten Mal verfügte die Revolution über eine echte militärische Grundlage. Zur Führung dieser Armee wurden erfahrene Offiziere berufen – unter ihnen der aus Sinsheim stammende Franz Sigel, der zum Kriegsminister der provisorischen Regierung aufstieg, und später der polnische General Ludwik Mieroslawski. Baden und die benachbarte Pfalz wurden damit zum letzten großen Bollwerk der Deutschen Revolution. Für einen kurzen, glühenden Moment schien alles möglich: eine Republik, verteidigt vom Volk höchstselbst.

Fazit: Der Höhepunkt vor dem Fall

Im Mai 1849 gipfelte die heute sogenannte Badischen Revolution. Was in den Sälen des Ständehauses begonnen und in den Aufständen von Hecker und Struve weitergeführt wurde, schien sich nun zu erfüllen. Der Übertritt des Militärs, die Flucht des Großherzogs, der Volkszug auf die Hauptstadt und der Schwur von Rastatt – all das machte Baden zur ersten und einzigen Region Deutschlands, in der die Revolution tatsächlich die Macht ergriff. Doch dieser Triumph rief einen übermächtigen Gegner auf den Plan.

Wie Preußen mit einer gewaltigen Armee in Baden einmarschierte, um die junge Republik zu zerschlagen, wie sich die Revolutionäre in ihre letzte Bastion – die Festung Rastatt – zurückzogen und welch bitteres Schicksal die Verteidiger der Freiheit erwartete, erzählt das nächste, dramatische Kapitel unseres Dokumentarfilms.

Erleben Sie den Moment, in dem das Volk zu den Waffen griff und die Freiheit zum Greifen nah war. Unser Dokumentarfilm „48/49 – Revolution in Baden.“ erzählt den Aufstand der Soldaten und den Weg der badischen Revolutionsarmee. Ab 16. Oktober im Kino – abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter für exklusive Einblicke!

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