Die verschmähte Krone
Als das Volk einem König die Krone anbot – und er sie ausschlug
Berlin, 3. April 1849. Eine Abordnung von 32 Männern schreitet durch die Prunksäle des Berliner Stadtschlosses. An ihrer Spitze steht Eduard von Simson, der Präsident der ersten frei gewählten Volksvertretung Deutschlands. In ihren Händen tragen die Abgeordneten das größte Geschenk, das ein Parlament zu vergeben hat: die Krone eines geeinten, freien Deutschlands. Es ist der Höhepunkt eines revolutionären Traums, der ein Jahr zuvor auf den Straßen und Barrikaden begonnen hatte. Doch König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen empfängt die Delegierten kühl – und weicht aus. Was als Geburtsstunde des ersten deutschen Nationalstaates gedacht war, wird zu einer der folgenschwersten Zurückweisungen der deutschen Geschichte: die Ablehnung der Kaiserkrone.
Dieser Artikel erzählt, warum ein König die ihm vom Volk angetragene Kaiserwürde verschmähte, welche stolzen und zugleich verhängnisvollen Beweggründe ihn dazu trieben – und wie dieses „Nein“ aus Berlin nur wenige Wochen später ausgerechnet im Großherzogtum Baden zum blutigen Finale der Revolution von 1848/49 führte.
Der Traum von Frankfurt: Ein Kaiser für ein einiges Deutschland
Während in Baden längst die Waffen gesprochen hatten, rang in der Frankfurter Paulskirche die Nationalversammlung um die Zukunft der Nation. Monatelang debattierten die Professoren, Juristen und Bürger dieses „Honoratiorenparlaments“ über Grenzen, Grundrechte und Regierungsformen. Am 28. März 1849 verabschiedeten sie schließlich ihr Meisterwerk: die Frankfurter Reichsverfassung. Sie sah ein geeintes Deutschland ohne Österreich vor – die sogenannte „kleindeutsche Lösung“ – an dessen Spitze ein erblicher Kaiser stehen sollte.
Diese Verfassung war weit mehr als ein Verwaltungsdokument. Sie war die Krönung all dessen, wofür das Volk seit den 13 Forderungen von Offenburg gekämpft hatte. Sie garantierte, was zuvor undenkbar war:
- einen umfassenden Katalog unveräußerlicher Grundrechte für jeden Deutschen,
- die Pressefreiheit und die endgültige Abschaffung der Zensur,
- die Gleichheit aller vor dem Gesetz und die Unabhängigkeit der Gerichte,
- ein gesamtdeutsches Parlament, gewählt in freier und gleicher Wahl.
Noch am selben Tag wählte die Versammlung den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. mit großer Mehrheit zum „Kaiser der Deutschen“. Eine feierliche Abordnung, die Kaiserdeputation unter der Leitung ihres Präsidenten Eduard von Simson, machte sich auf den Weg nach Berlin, um ihm die Krone anzutragen. Die Hoffnung einer ganzen Nation reiste mit ihr.
Der Satz von der Krone „aus Dreck und Letten“ ist überliefert, das Entsetzen darüber nicht. Wie aus diesem Nein binnen Wochen ein Aufstand wurde, erzählt unser Dokumentarfilm „48/49 – Revolution in Baden.“.
Ein „Nein“ aus Gottesgnadentum: Die Krone „aus Dreck und Letten“
Doch Friedrich Wilhelm IV. war kein Mann der Revolution. Er war ein tiefreligiöser Romantiker, überzeugt vom göttlichen Ursprung seiner Herrschaft. Eine Krone, die ihm nicht von Gott und den ebenbürtigen Fürsten, sondern von einem gewählten Parlament – dem „Volk“ – gereicht wurde, war in seinen Augen wertlos, ja beschmutzt. Öffentlich erklärte er der Deputation, er könne die Würde nur mit der freien Zustimmung aller deutschen Fürsten und freien Städte annehmen. Es war ein höfliches, aber unmissverständliches „Nein“.
Hinter verschlossenen Türen wurde der König deutlicher. In privaten Briefen verglich er die ihm angetragene Krone mit einem Halsband, das ihn zum „Leibeigenen der Revolution von 1848″ machen würde.
„Einen solchen imaginären Reif, aus Dreck und Letten gebacken, nimmt man nicht an.“ – so soll Friedrich Wilhelm IV. über die vom Frankfurter Parlament angebotene Kaiserkrone geurteilt haben.
Mit dieser Ablehnung zerstörte der König nicht nur seinen eigenen Kaisertraum, sondern die Hoffnung von Millionen. Am 28. April 1849 lehnte Preußen die Reichsverfassung endgültig ab. Das Werk der Paulskirche war damit praktisch gescheitert – auf dem Papier existierte eine der freiheitlichsten Verfassungen ihrer Zeit, doch es fehlte ihr die Macht, sie durchzusetzen.
Die Reichsverfassungskampagne: Das Volk greift zu den Waffen
Doch das Volk war nicht bereit, seinen Traum kampflos aufzugeben. Immerhin hatten 28 der kleineren deutschen Staaten die Frankfurter Verfassung bereits anerkannt. Was die Fürsten von oben verweigerten, sollte nun von unten erzwungen werden. So entbrannte im Frühsommer 1849 die Reichsverfassungskampagne – der letzte, verzweifelte Versuch, die errungene Freiheit mit Gewalt zu verteidigen.
In Sachsen, in der bayerischen Pfalz und im Rheinland erhoben sich die Menschen. Doch nirgendwo brannte das revolutionäre Feuer heißer und länger als dort, wo es schon zweimal – im Heckerzug und im Struve-Putsch – aufgelodert war: im Großherzogtum Baden.
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Baden in Flammen: Die Meuterei von Rastatt und Leopolds Flucht
In Baden traf das „Nein“ des Königs auf eine Bevölkerung, die längst bereit war für den letzten Schlag. Und diesmal blieb das Militär nicht auf der Seite des Fürsten. In der mächtigen Bundesfestung Rastatt meuterten im Mai 1849 die Soldaten und schlossen sich der Revolution an – ein Ereignis, das dem Aufstand eine völlig neue Wucht verlieh. Die Agitation in den Kasernen und Wirtshäusern, in der auch Amalie Struve eine treibende Rolle spielte, trug Früchte.
Der Boden unter Großherzog Leopold wurde zu heiß. In der Nacht floh der Regent Hals über Kopf aus seiner Residenz in Karlsruhe. Zum ersten und einzigen Mal in der deutschen Revolution war ein Fürst tatsächlich verjagt worden. An seine Stelle trat eine provisorische revolutionäre Regierung unter Lorenz Brentano. Für einen kurzen, atemlosen Moment schien in Baden möglich, was der König in Berlin verweigert hatte: eine Republik im Dienste der Verfassung.
Fazit: Der Funke, der das letzte Feuer entzündete
Die Ablehnung der Kaiserkrone durch Friedrich Wilhelm IV. war weit mehr als eine persönliche Geste des Stolzes. Sie war der Moment, in dem sich die Kluft zwischen dem alten Gottesgnadentum und dem neuen Willen des Volkes unüberbrückbar auftat. Weil ein König die Krone der Freiheit ausschlug, griffen die Menschen in Baden ein letztes Mal zu den Waffen – nicht mehr für eine ferne Idee, sondern für eine bereits geschriebene Verfassung.
Wie aus dem Triumph über den geflohenen Großherzog binnen weniger Wochen die Tragödie wurde, wie preußische Truppen die junge badische Republik niederwarfen und warum die Festung Rastatt zum letzten Bollwerk und Schauplatz standrechtlicher Erschießungen wurde, erzählt das nächste Kapitel unseres Dokumentarfilms.
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