Holzstich: Struves Freischaren ziehen im September 1848 durch einen badischen Ort
Struve und die Republikaner am 23. September 1848 auf dem Weg von Lörrach nach Norden. Holzstich nach M. Elliot, 1849. Gemeinfrei, Wikimedia Commons.

September 1848 Lörrach

Der Struve-Putsch

Ein einsamer Kampf für die Republik und das Erbe von Rastatt

Ein dumpfer Trommelwirbel hallt am Nachmittag des 21. September 1848 durch die Straßen von Lörrach. Auf dem Balkon des Rathauses steht ein Mann mit scharf geschnittenen Zügen und blickt auf eine aufgepeitschte Menschenmenge hinab. Es ist Gustav Struve. Nur fünf Monate nach dem blutigen Scheitern des Heckerzuges wagt der kompromisslose Vordenker beim Struve-Putsch das Unmögliche: Er erhebt erneut die schwarz-rot-goldene Fahne und ruft die „Deutsche Republik“ aus. An seiner Seite, unerschütterlich und radikal im Geist, steht seine Ehefrau Amalie.

Was als zweite große Welle der Freiheit geplant ist, um das morsche Fundament der Fürstenherrschaft endgültig zum Einsturz zu bringen, wird zu einem dramatischen Kammerspiel aus Hoffnung, militärischem Fiasko und politischer Verfolgung. Dieser Artikel seziert die Hintergründe des Struve-Putsches, die gnadenlose Jagd auf die Revolutionäre und die außergewöhnliche Rolle der Amalie Struve, die in der Festung Rastatt Geschichte schrieb.

Auf einen Blick: Beim Struve-Putsch rief Gustav Struve am 21. September 1848 in Lörrach die „Deutsche Republik“ aus. Es war der zweite republikanische Aufstand in Baden nach dem Heckerzug. Auslöser war der Waffenstillstand von Malmö, dem die Frankfurter Nationalversammlung zugestimmt hatte. Schon am 24. September 1848 schlugen großherzogliche Truppen die Freischaren im Gefecht bei Staufen. Gustav und Amalie Struve wurden kurz darauf verhaftet.

Der zweite Versuch: Der Struve-Putsch im September

Nach der Niederlage Friedrich Heckers beim Heckerzug im April 1848 schien die badische Reaktion gesiegt zu haben. Doch der Schein trog. Die Unzufriedenheit im Volk brodelte weiter, verschärft durch die anhaltende Wirtschaftskrise. Als im September 1848 die Frankfurter Nationalversammlung dem umstrittenen Waffenstillstand von Malmö zustimmt und damit in den Augen der Radikalen die nationale Sache verrät, sieht Gustav Struve seine Stunde gekommen.

Aus seinem Schweizer Exil kehrt er heimlich nach Baden zurück. Sein Plan für den Struve-Putsch ist eine Kopie des Hecker-Konzepts, jedoch mit einem entscheidenden Unterschied: Struve setzt auf eine straffere Organisation und die sofortige Mobilisierung der lokalen Bürgerwehren. Unter der Parole „Wohlstand, Bildung und Freiheit für alle!“ besetzt er mit seinen Getreuen Lörrach. Er verhängt das Kriegsrecht, requiriert die öffentlichen Kassen und fordert die Bauern auf, die Waffen zu ergreifen. Doch die erhoffte Lawine bleibt aus. Die Angst vor den preußischen und bundesstaatlichen Bajonetten sitzt bei den Bürgern tief.

Das Fiasko von Staufen: Der schnelle Zusammenbruch des Aufstands

Struves Revolutionsarmee, die in Spitzenzeiten auf etwa 3.000 schlecht ausgebildete Männer anwächst, marschiert nach Norden. Doch der militärische Apparat der Gegenseite reagiert dieses Mal blitzschnell. Reguläre badische Truppen unter dem Befehl von General Hoffmann stellen die Aufständischen am 24. September 1848 bei Staufen im Breisgau.

Es kommt zu einem kurzen, aber mörderischen Gefecht. Die Revolutionäre verschanzen sich in den engen Gassen der Stadt, haben jedoch der artilleristischen Überlegenheit der Regierungstruppen nichts entgegenzusetzen. Als die ersten Kanonenkugeln in die Mauern einschlagen, bricht Panik aus. Der Widerstand kollabiert. Was als stolzer Marsch auf Karlsruhe begonnen hatte, endet in einer chaotischen, blutigen Flucht. Die Hoffnung auf eine schnelle Republik im Herbst 1848 ist innerhalb von nur drei Tagen pulverisiert.

Gejagt und gefasst: Die dramatische Verhaftung von Gustav und Amalie Struve

Nach dem Desaster von Staufen versuchen Gustav und Amalie Struve verzweifelt, sich wieder über die nahe Schweizer Grenze zu retten. Tagelang irren sie durch die dichten Wälder des Südschwarzwalds, hungrig, erschöpft und von Spionen gejagt. Auf ihren Köpfen liegt ein hohes Kopfgeld.

Am 25. September wird das Ehepaar im Wehratal von einer großherzoglichen Patrouille entdeckt. Die Verhaftung von Struve und seiner Frau erfolgt ohne Gegenwehr – die physische und psychische Erschöpfung hat den revolutionären Willen der beiden vorerst gebrochen. In Ketten und unter scharfer Bewachung werden sie abtransportiert. Doch während Gustav Struve in den Staatskerker geworfen wird, um auf seinen Prozess wegen Hochverrats zu warten, beginnt für Amalie ein ganz eigenes, historisches Kapitel des Widerstands.

Amalie Struves Agitation in Rastatt: Die vergessene Heldin der Festung

In der Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts werden Frauen oft in die Rolle der schweigenden Unterstützerinnen gedrängt. Amalie Struve bricht dieses Muster radikal. Sie war keine bloße Begleiterin ihres Mannes, sondern eine der profiliertesten politischen Aktivistinnen und Publizistinnen der gesamten Revolutionszeit.

Nach ihrer Festnahme wird sie im Mai 1849 in die gefürchtete Bundesfestung Rastatt verlegt. Die Festung ist das militärische Bollwerk der Reaktion, doch Amalie lässt sich nicht einschüchtern. Trotz der drohenden Todesstrafe für Hochverrat startet sie hinter den dicken Festungsmauern eine beispiellose Agitation.

  • Politische Schriften im Kerker: Heimlich verfasst sie Briefe, Flugblätter und politische Aufrufe, die sie über sympathisierende Wärter aus der Festung herausschmuggeln lässt.
  • Mobilisierung der Frauen: Sie fordert die badischen Frauen auf, sich zu organisieren, demokratische Vereine zu gründen und die inhaftierten Revolutionäre aktiv zu unterstützen.
  • Der Geist des Widerstands: Ihre Berichte über die katastrophalen Haftbedingungen in Rastatt rütteln die Öffentlichkeit auf und halten das revolutionäre Feuer im Untergrund am Leben, während die Männer in den Zellen verzweifeln.

Amalie Struves unerschrockenes Auftreten in Rastatt macht sie zur Symbolfigur für den weiblichen Anteil an der Freiheitsbewegung. Sie bewies, dass der Kampf um Menschenrechte keine Frage des Geschlechts ist.

Fazit: Ein Vorspiel für das ganz große Drama

Der Struve-Putsch vom September 1848 mag militärisch ebenso gescheitert sein wie der Heckerzug im Frühjahr. Er offenbarte die Zersplitterung und die mangelnde militärische Führung der Radikalen. Und dennoch war er kein sinnloses Opfer. Die Entschlossenheit von Gustav Struve und die intellektuelle, aufrührerische Kraft von Amalie Struve zeigten den Fürsten, dass sich der Wunsch nach Freiheit nicht einfach wegsperren ließ. Die Ereignisse im Herbst 1848 hielten das System in permanenter Atemnot und waren das logische Vorspiel für die dritte, größte und blutigste Welle der Revolution im Jahr 1849, als die Festung Rastatt selbst in die Hände der Aufständischen fallen sollte.

Wie aus den Gefangenen von Rastatt plötzlich die Herren der Festung wurden, warum die badische Armee meuterte und wie das Volk 1849 die totale Macht übernahm, enthüllt das nächste, fesselnde Kapitel unserer Dokumentation.

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Zum Weiterlesen

  • Jörg Bong

    Die Flamme der Freiheit. Die deutsche Revolution 1848/1849

    Erzählt das Revolutionsjahr 1848 und die Rolle der badischen Radikalen um Hecker und Struve.

    Köln 2022 · ISBN 9783462003130

  • Christopher Clark

    Frühling der Revolution. Europa 1848/49 und der Kampf für eine neue Welt

    Ordnet die badischen Aufstände in die europäische Revolution ein.

    München 2025 · ISBN 9783570555101

Alle Ereignisse der Badischen Revolution im Zeitstrahl