
Der Schwur von Rastatt
Der Eid unter dem Balkon: Wie der Großherzog seine Soldaten verlor
Rastatt, am Abend des 13. Mai 1849. Auf dem Marktplatz vor dem Rathaus stehen Soldaten der Festungsgarnison neben Männern der Bürgerwehr und Rastatter Bürgern. Oben auf dem Balkon erscheint Amand Goegg und verliest, was am Nachmittag in Offenburg beschlossen worden ist. Was nun folgt, geht als Vereidigung in Rastatt in die Geschichte ein: Bürgerwehr und Soldaten schwören auf die Reichsverfassung, und die großherzogliche Obrigkeit verliert ihre wichtigste Stütze.
Dieser Artikel rekonstruiert, wie es zu dem Schwur kam, worauf die Männer ihren Eid leisteten und warum er für den Großherzog und seine Regierung den Verlust ihrer Macht bedeutete. Er schließt an den Aufstand der Soldaten an, der die Festung wenige Tage zuvor erfasst hatte.
Eine Festung im Aufruhr
Rastatt ist im Mai 1849 keine gewöhnliche Garnisonsstadt. Hier liegt die Bundesfestung Rastatt, eine der Festungen des Deutschen Bundes, besetzt mit badischen Soldaten. Seit dem 9. Mai gärt es in der Garnison. Soldaten verbrüdern sich mit der Bürgerwehr, nach der Überlieferung unter „Beschwörung der Treue und Liebe zum Volk“. Mit dabei sind Rastatter wie der Spediteur Carl Müller, der Schirmmacher Franz Comlossi und Bürgermeister Ludwig Sallinger.
Die Regierung in Karlsruhe versucht gegenzusteuern. Am 12. Mai reist Kriegsminister Hoffmann selbst nach Rastatt. Doch er kann den Aufstand nicht aufhalten und muss vor den aufgebrachten Soldaten fliehen. Am selben Tag wirft sich der Unteroffizier Konrad Heilig vor eine Kanone, mit der auf die Meuterer geschossen werden soll. Die Befehlskette der Armee ist in Rastatt zerbrochen, noch bevor ein einziger neuer Eid geleistet wird.
Offenburg, 13. Mai: Ein Programm für ein neues Baden
Während in Rastatt die Soldaten den Gehorsam verweigern, versammeln sich in Offenburg die badischen Volksvereine. Schon am 12. Mai tagt ihr Landeskongress im Zähringer Hof. Er verlangt von der Regierung, die Kammern aufzulösen, das Ministerium Bekk zu entlassen, eine verfassunggebende Versammlung wählen zu lassen und die politischen Gefangenen freizulassen. Eine Abordnung bringt die Forderungen noch am Abend nach Karlsruhe. Am Mittag des 13. Mai kehrt sie mit einer Absage zurück.
Am Nachmittag kommen nach Schätzungen 25.000 bis 35.000 Menschen zur Landesversammlung. Sie beschließt ein Programm mit 16 Punkten. Zu den wichtigsten gehören:
- die Anerkennung der Reichsverfassung und ihre Durchsetzung auch in den anderen deutschen Staaten,
- eine neue Regierung unter Lorenz Brentano und Joseph Ignatz Peter,
- eine verfassunggebende Landesversammlung, gewählt in allgemeinen Wahlen,
- die Volksbewaffnung auf Kosten des Staates,
- die freie Wahl der Offiziere durch die Soldaten, das Ende der Militärgerichtsbarkeit und die Verschmelzung des stehenden Heeres mit der Volkswehr.
Gerade die letzten Punkte zielen ins Herz der alten Ordnung. Eine Armee, die ihre Offiziere selbst wählt, gehorcht nicht mehr dem Landesherrn. Eine Republik fordert die Versammlung trotzdem nicht: Goegg hatte sie am Vortag ins Gespräch gebracht, fand dafür aber keine Mehrheit. Verlangt wird eine neue Regierung, noch unter dem Großherzog. Gewählt wird außerdem ein Landesausschuss mit vierzehn Mitgliedern. Unter ihnen sind zwei Soldaten der Rastatter Garnison, ein deutliches Zeichen dafür, wer die Bewegung inzwischen trägt.
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Die Vereidigung in Rastatt: Ein Eid auf die Verfassung
Noch am Abend des 13. Mai fährt der Landesausschuss nach Rastatt. Bürgermeister Sallinger sorgt dafür, dass die Offenburger Beschlüsse vom Rathaus aus verkündet werden. Amand Goegg tritt auf den Balkon und verliest sie vor der Menge auf dem Marktplatz.
Dann folgt der Schwur. Auf dem Marktplatz unter dem Balkon vereidigt Lorenz Brentano die Bürgerwehr und die Soldaten auf die Reichsverfassung. Nach der Darstellung der Stadt Rastatt geschieht das am folgenden Tag, dem 14. Mai. Andere Quellen setzen die Vereidigung noch auf den Abend des 13. Mai. Fest steht: Binnen weniger Tage stehen Männer, die eben noch dem Kriegsminister unterstanden, unter einem neuen Eid.
Bemerkenswert ist, worauf sie schwören. Die Reichsverfassung der Frankfurter Nationalversammlung hatte die badische Regierung selbst angenommen, gemeinsam mit 27 weiteren Staaten in einer Note vom 14. April 1849. Doch seit der preußische König die Kaiserkrone abgelehnt hatte, drohte die Verfassung zu scheitern. In Rastatt schwören die Männer also auf ein Gesetz, das die Obrigkeit offiziell anerkannt hatte, und machen es zu ihrem eigenen Programm.
Damit erfüllt sich eine alte Forderung. Schon 1847 hatte das Volk in den Forderungen des Volkes verlangt, das Militär auf die Verfassung zu vereidigen. Zwei Jahre später geschieht in Rastatt genau das, und zwar auf die Verfassung, nicht auf eine Republik.
Was der Schwur für die Obrigkeit bedeutete
Für den Großherzog und seine Regierung ist die Vereidigung weit mehr als ein Symbol. Ein Fürst regiert im 19. Jahrhundert nicht allein mit Gesetzen, sondern mit Soldaten, die seinen Befehlen folgen. In Rastatt folgen sie nun einem Landesausschuss, den eine Volksversammlung gewählt hat. Die Folgen zeigen sich sofort:
- Die Festung: Die Bundesfestung Rastatt ist in der Hand der Demokraten. Die Regierung hat ihre wichtigste Festung im Land verloren.
- Die Offiziere: Auch Offiziere fliehen am 13. Mai aus der Stadt.
- Die Stadt: Bürgermeister Sallinger wird am 14. Mai zum Zivilkommissär ernannt.
- Die Regierung: Am 14. Mai wird das Ministerium Bekk für abgesetzt erklärt. Eine Exekutivkommission unter Brentano, mit Goegg, Joseph Ignatz Peter und Karl Eichfeld, übernimmt die Staatsgeschäfte.
Und der Landesherr? Großherzog Leopold steht in Karlsruhe ohne Truppen da, auf die er sich noch verlassen könnte. In der Nacht vom 13. auf den 14. Mai verlässt er seine Residenz und geht ins Exil.

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Die Abrechnung nach der Niederlage
Wie schwer der Eid für die Obrigkeit wog, zeigte sich, als sie zurückkehrte. Der Großherzog stellte sich unter preußischen Schutz. Im Juni rückten Bundestruppen und zwei preußische Korps unter dem Prinzen von Preußen, dem späteren Kaiser Wilhelm I., in Baden ein. Am 23. Juli 1849 kapitulierte Rastatt nach dreiwöchiger Einschließung als letzte Bastion der Revolution.
Danach urteilten die Standgerichte. Von den 27 Todesurteilen, die in Baden vollstreckt wurden, entfielen 19 auf Rastatt. Das erste traf am 7. August 1849 den Journalisten Ernst Elsenhans, der nicht selbst gekämpft hatte. Das Gericht sah „Hochverrat und Aufreizung zu fortgesetztem Widerstand gegen die Obrigkeit“ als erwiesen an. Auch Konrad Heilig, der Unteroffizier vor der Kanone, wurde am 11. August 1849 erschossen.

Bürgermeister Sallinger kam nach der Kapitulation mit rund 90 Rastattern in Haft. Die badische Armee wurde aufgelöst und unter preußischer Führung neu aufgebaut. Die Truppe, die im Mai auf die Verfassung geschworen hatte, gab es danach nicht mehr.
Fazit: Ein Eid, der die Machtfrage stellte
Die Vereidigung in Rastatt verschob die Grundlage der Macht in Baden. Soldaten, die bis dahin den Befehlen des Kriegsministers folgten, banden sich an eine Verfassung und an einen Landesausschuss, den das Volk in Offenburg gewählt hatte. Für den Großherzog und seine Regierung hieß das: keine verlässliche Armee, keine Festung und bald auch keine Regierung mehr. Die Antwort der Obrigkeit kam erst Wochen später, mit preußischen Truppen und mit Standgerichten, die gerade in Rastatt die meisten Todesurteile vollstrecken ließen.
In der Nacht nach der Verkündung vom Balkon flieht Großherzog Leopold aus Karlsruhe. Wie es zur Flucht des Landesherrn kam und wohin sie ihn führte, erzählt das nächste Kapitel: Die Flucht des Großherzogs.
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Quellen und Literatur
- Stadt Rastatt: Historie Badische Revolution. https://www.rastatt.de/kultur-und-freizeit/badische-revolution/historie-badische-revolution
- Tourismus Rastatt: Revolutionspfad, Historisches Rathaus. https://www.tourismus-rastatt.de/sehenswuerdigkeiten-und-geschichte/revolutionspfad/revolutionspfad-historisches-rathaus
- Bundesarchiv: Schlaglichter einer Revolution, Mai 1849. https://www.bundesarchiv.de/themen-entdecken/online-entdecken/storys/schlaglichter-einer-revolution/mai-1849/
- Bundesarchiv: Schlaglichter einer Revolution, August 1849. https://www.bundesarchiv.de/themen-entdecken/online-entdecken/storys/schlaglichter-einer-revolution/august-1849/
- Wikipedia: Offenburger Versammlung 1849. https://de.wikipedia.org/wiki/Offenburger_Versammlung_1849
- Wikipedia: Badische Revolution. https://de.wikipedia.org/wiki/Badische_Revolution
- Wikipedia: Frankfurter Reichsverfassung. https://de.wikipedia.org/wiki/Frankfurter_Reichsverfassung
- Wikipedia: Offenburger Versammlung 1847. https://de.wikipedia.org/wiki/Offenburger_Versammlung_1847
- Wikipedia: Konrad Heilig. https://de.wikipedia.org/wiki/Konrad_Heilig
