Altes Kanonenrohr aus Bronze vor der Fassade des Residenzschlosses Rastatt unter grauem Himmel
Kanone vor dem Residenzschloss Rastatt. © visiris GmbH

Mai 1849 Offenburg, Rastatt & Karlsruhe

Der Aufstand der Soldaten

Als die Soldaten die Seiten wechselten: Die Geburt der Revolutionsarmee

Rastatt, im Mai 1849. In den Kasematten der mächtigen Bundesfestung liegt eine spürbare Spannung in der Luft. Seit Tagen wächst der Unmut unter den einfachen Soldaten: über schlechten Sold, über schikanierende Offiziere und über den Befehl, auf die eigenen, für die Verfassung kämpfenden Landsleute anzulegen. Dann bricht sich der Zorn Bahn: Ab dem 9. Mai verweigern die Mannschaften den Gehorsam und verbrüdern sich mit der Bürgerwehr. Was in diesen Tagen in Rastatt geschieht, ist der Wendepunkt der gesamten Erhebung und der Beginn des Mai-Aufstands in Baden: Zum ersten Mal läuft das Militär zum Volk über.

Dieser Artikel erzählt, wie aus meuternden Soldaten, bewaffneten Bürgern und Freischärlern binnen weniger Tage eine echte Revolutionsarmee wurde: von der Meuterei in der Festung Rastatt über den Volkszug von Offenburg auf die Hauptstadt Karlsruhe bis zu dem denkwürdigen Moment, in dem in Rastatt Bürgerwehr und Soldaten auf die Reichsverfassung vereidigt wurden.

Die Meuterei von Rastatt: Eine Festung fällt von innen

Die Ablehnung der Kaiserkrone durch den preußischen König hatte die letzte Hoffnung auf eine friedliche Einigung zerschlagen. Doch anders als beim gescheiterten Heckerzug oder beim Struve-Putsch stand nun ein entscheidender Faktor auf der Seite der Revolution: die Männer und Waffen des Staates selbst. In der Bundesfestung Rastatt, dem militärischen Rückgrat der Reaktion im Südwesten, hatte sich die Stimmung längst gedreht.

Die Soldaten der badischen Armee waren keine abgehobene Kaste, sondern Söhne von Handwerkern, Bauern und Tagelöhnern, Männer aus genau jenem Volk, dessen Forderungen sie niederhalten sollten. Als die Offiziere den Befehl gaben, gegen die Reichsverfassungsbewegung vorzugehen, kippte die Loyalität. Ab dem 9. Mai 1849 meuterte die Garnison: Die Soldaten verweigerten ihren Vorgesetzten den Gehorsam und verbrüderten sich mit der Bürgerwehr. Als Kriegsminister Hoffmann am 12. Mai selbst nach Rastatt kam, konnte er den Aufstand nicht mehr aufhalten. Der Fall des mächtigsten Bollwerks der Region (nicht durch Belagerung, sondern durch den Willen der eigenen Mannschaften) wirkte wie ein Fanal im ganzen Land.

Altes Kanonenrohr aus Bronze vor der Fassade des Residenzschlosses Rastatt unter grauem Himmel
Am 12. Mai 1849 warf sich Konrad Heilig in Rastatt vor eine Kanone, die auf die meuternden Soldaten feuern sollte. Im Bild: eine Kanone vor dem Rastatter Schloss. © visiris GmbH

Soldaten, Bürger und Freischärler: der Trailer zum Kinofilm

Ein Flächenbrand und die Flucht des Großherzogs

Die Nachricht aus Rastatt verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Innerhalb von Stunden griff die Meuterei auf weitere Standorte über. In Karlsruhe, Bruchsal und anderen Garnisonen verweigerten die Truppen den Gehorsam oder schlossen sich offen der Bewegung an. Der Staatsapparat des Großherzogtums, der über Jahrzehnte auf die Treue seiner Armee gebaut hatte, löste sich innerhalb weniger Tage auf.

Für Großherzog Leopold wurde die Lage in seiner Residenz unhaltbar. Ohne verlässliche Truppen, umringt innerhalb der aufständischen Hauptstadt, blieb ihm nur ein Ausweg. In der Nacht vom 13. auf den 14. Mai 1849 floh der Regent Hals über Kopf aus Karlsruhe und suchte Schutz jenseits der Landesgrenze. Ein regierender Fürst hatte vor seinem eigenen Volk die Hauptstadt verlassen müssen. Die Macht lag nun buchstäblich auf der Straße: bereit, ergriffen zu werden.

Der Volkszug von Offenburg auf die Hauptstadt

Das Zentrum der Bewegung schlug erneut dort, wo schon 1847 die Forderungen des Volkes proklamiert worden waren: in der Freiheitsstadt Offenburg. Am 13. Mai 1849 strömten Zehntausende zu einer gewaltigen Landesversammlung zusammen, einberufen vom Landesausschuss der badischen Volksvereine unter der Führung des Radikaldemokraten Amand Goegg. Hier wurde nicht mehr nur diskutiert, hier organisierte sich die Machtübernahme.

Luftaufnahme von Offenburg, im Vordergrund eine große Figurenskulptur aus Metall auf einem Platz
Offenburg heute. Hier kamen am 13. Mai 1849 Zehntausende zur Landesversammlung zusammen. Aufnahme aus „48/49 – Revolution in Baden.“ © visiris GmbH

Aus der Versammlung erwuchs ein Volkszug, der sich entschlossen in Richtung der verwaisten Hauptstadt Karlsruhe in Bewegung setzte. Es war kein geordneter Militärmarsch, sondern ein flutartiger Zug aus bewaffneten Bürgern, Turnern, Freischärlern und übergelaufenen Soldaten. Sensen und Jagdgewehre mischten sich mit den erbeuteten Musketen der regulären Armee. Anders als beim einsamen Marsch Heckers durch den Schwarzwald wuchs dieser Zug mit jedem Dorf an, das er durchquerte. Das Volk marschierte nun nicht mehr gegen eine übermächtige Armee, es marschierte mit ihr.

In Karlsruhe übernahm am 14. Mai eine Exekutivkommission des Landesausschusses die Regierungsgeschäfte. An ihrer Spitze stand der Advokat Lorenz Brentano; Amand Goegg, treibende Kraft der Volksvereine, gehörte zu ihren führenden Köpfen. Am 1. Juni bildete Brentano eine provisorische Regierung. Eine Republik riefen sie nicht aus, doch für einige Wochen lag die Regierung eines ganzen deutschen Staates in den Händen der Revolution.

Der Schwur vom Balkon: Die Vereidigung in Rastatt

Kein Ort verkörperte den Triumph der Revolution so sehr wie Rastatt. Vor dem Rathaus der Stadt drängten sich Soldaten und Bürger, Freischärler und Familien zu einer einzigen, jubelnden Masse. Und dann kam jener Augenblick, der wie kein zweiter den Bund zwischen Militär und Volk besiegelte.

Vom Balkon des Rastatter Rathauses verkündete Amand Goegg am Abend des 13. Mai die Beschlüsse von Offenburg. Lorenz Brentano vereidigte Bürgerwehr und Soldaten auf die Reichsverfassung, nach der Darstellung der Stadt Rastatt am folgenden Tag auf dem Marktplatz. Was zuvor undenkbar war, dass Soldaten und Bürger Seite an Seite denselben Eid auf die Verfassung leisteten, wurde hier real. Dieser Schwur war mehr als eine Formalie: Er machte aus einer chaotischen Erhebung eine legitimierte Bewegung mit einem gemeinsamen Ziel.

Die Geburt der badischen Revolutionsarmee

Aus dem Chaos der ersten Maitage formte sich nun etwas, das es in Deutschland zuvor nie gegeben hatte: eine schlagkräftige, revolutionäre Volksarmee. Sie speiste sich aus drei Quellen:

  • Die übergelaufenen Linientruppen: Erfahrene, ausgebildete und vor allem bewaffnete Soldaten der ehemaligen großherzoglichen Armee bildeten das militärische Rückgrat.
  • Die Volkswehr und Bürgerwehren: Bewaffnete Bürger aus den Städten und Gemeinden, die schon in den Vorjahren organisiert worden waren.
  • Die Freischärler und Freiwilligen: Idealisten aus ganz Deutschland und dem europäischen Ausland, die für die Sache der Freiheit nach Baden strömten.
Kanonier der Bürgergarde Gengenbach feuert eine Feldkanone ab
Mit den übergelaufenen Linientruppen hatte die Revolution erstmals Kanonen und ausgebildete Artilleristen. Nachstellung durch die Bürgergarde Gengenbach. © visiris GmbH

Zum ersten Mal verfügte die Revolution über eine echte militärische Grundlage. Zur Führung dieser Armee wurden erfahrene Offiziere berufen, unter ihnen der aus Sinsheim stammende Franz Sigel, der zum Kriegsminister der provisorischen Regierung aufstieg, und später der polnische General Ludwik Mieroslawski. Baden und die benachbarte Pfalz wurden damit zum letzten großen Bollwerk der Deutschen Revolution. Für einen kurzen, glühenden Moment schien alles möglich: eine Republik, verteidigt vom Volk höchstselbst.

Fazit: Der Höhepunkt vor dem Fall

Im Mai 1849 gipfelte die heute sogenannte Badische Revolution. Was in den Sälen des Ständehauses begonnen und in den Aufständen von Hecker und Struve weitergeführt wurde, schien sich nun zu erfüllen. Der Übertritt des Militärs, die Flucht des Großherzogs, der Volkszug auf die Hauptstadt und der Schwur von Rastatt: All das brachte die Revolution in Baden für einige Wochen an die Macht. Doch dieser Triumph rief einen übermächtigen Gegner auf den Plan.

Wie Preußen mit einer gewaltigen Armee in Baden einmarschierte, um die Revolution niederzuschlagen, wie sich die Revolutionäre in ihre letzte Bastion, die Festung Rastatt, zurückzogen und welch bitteres Schicksal die Verteidiger der Freiheit erwartete, erzählt das nächste, dramatische Kapitel unseres Dokumentarfilms.

Erleben Sie den Moment, in dem das Volk zu den Waffen griff und die Freiheit zum Greifen nah war. Unser Dokumentarfilm „48/49 – Revolution in Baden.“ erzählt den Aufstand der Soldaten und den Weg der badischen Revolutionsarmee. Ab 16. Oktober im Kino. Abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter für exklusive Einblicke!


So ist dieser Text entstanden: mit Unterstützung von künstlicher Intelligenz und mit dem Wissen der Filmemacher von visiris. Für unseren Dokumentarfilm „48/49 – Revolution in Baden.“ haben wir sieben Jahre lang recherchiert, Historikerinnen und Historiker interviewt und an den Originalschauplätzen gedreht. Viele Inhalte unserer Geschichtstexte haben wir selbst zusammengefasst. Jeden Text prüfen und überarbeiten wir, und für seinen Inhalt stehen wir ein. Ist Ihnen ein Fehler aufgefallen? Schreiben Sie uns an info@badische-revolution.de.

Zum Weiterlesen

  • Carl Schurz

    Demokratie heißt: Frieden und Versöhnung überall

    Texte von Carl Schurz, der 1849 in Baden kämpfte und später in den USA zum Staatsmann wurde.

    Köln 2024 · ISBN 9783462500158

  • Mathilde Franziska Anneke

    Auf denn, ihr Schwestern!

    Texte der Journalistin, Frauenrechtlerin und Freischärlerin der Revolution.

    Köln 2024 · ISBN 9783462500103

  • Christopher Clark

    Frühling der Revolution. Europa 1848/49 und der Kampf für eine neue Welt

    Erzählt auch das Ende der Revolution 1849 in ganz Europa.

    München 2025 · ISBN 9783570555101

Alle Ereignisse der Badischen Revolution im Zeitstrahl