Historische kolorierte Ansicht der Paulskirche in Frankfurt am Main mit Passanten auf dem Platz
Die Paulskirche in Frankfurt am Main, historische Ansicht. © visiris GmbH

Mai bis Juli 1849 Dresden, Elberfeld, Pfalz, Baden

Die Reichsverfassungskampagne

Ein letzter Aufstand für die Verfassung

Dresden, 4. Mai 1849, halb fünf Uhr morgens. In den Straßen der Altstadt stehen Barrikaden, am Vortag haben Aufständische das Zeughaus gestürmt. Da verlässt König Friedrich August II. von Sachsen mit der Königin und seinen Ministern die Stadt und zieht sich auf die Festung Königstein zurück. Sachsen ist ohne Regierung. Was in Dresden geschieht, ist kein Einzelfall. In diesem Frühjahr erheben sich Menschen in Sachsen, im Rheinland, in Westfalen, in der Pfalz und in Baden für ein gemeinsames Ziel: die Verfassung der Frankfurter Nationalversammlung. Die Geschichte nennt diese letzte Welle der Revolution die Reichsverfassungskampagne.

Dieser Artikel erzählt, warum die Paulskirchenverfassung im Frühjahr 1849 zum Kampfziel wurde, wo sich Menschen für sie erhoben und wie Preußen die Bewegung niederschlug. Er ordnet damit auch ein, was zur selben Zeit in Baden geschah, vom Aufstand der Soldaten bis zum Schwur von Rastatt.

Auf einen Blick: Die Reichsverfassungskampagne war eine von radikalen Demokraten angestoßene Bewegung für die Reichsverfassung, die die Frankfurter Nationalversammlung am 28. März 1849 verabschiedet hatte. Die Kämpfe dauerten von Anfang Mai bis in den Juli 1849. Vor allem preußische Truppen schlugen die Aufstände nieder, mit der Kapitulation von Rastatt am 23. Juli endete die Kampagne.

Eine Verfassung, die die Großen nicht wollten

Am 28. März 1849 hatte die Frankfurter Nationalversammlung die Reichsverfassung verabschiedet und den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. zum Kaiser der Deutschen gewählt. Doch der König wies die Krone zurück, wie das Kapitel über die verschmähte Krone erzählt. Am 28. April 1849 lehnte Preußen die Verfassung endgültig ab.

Dabei hatten 28 meist kleinere Staaten, darunter Baden, die Verfassung mit einer gemeinsamen Note vom 14. April 1849 angenommen. Auch Württemberg erkannte sie im April an. Große Staaten wie Preußen, Bayern und Sachsen aber verweigerten sich. In Preußen löste der König sogar die Zweite Kammer seines Landtags auf, nachdem sie die Reichsverfassung anerkannt hatte. Schließlich riefen Preußen und andere Staaten ihre Abgeordneten aus Frankfurt zurück.

Damit stand das Werk, um das die Abgeordneten fast ein Jahr gerungen hatten, nur noch auf dem Papier. Radikale Demokraten riefen nun dazu auf, für die Verfassung einzutreten, am 6. Mai 1849 etwa der Centralmärzverein, ein Zusammenschluss demokratischer Vereine aus ganz Deutschland.

Dresden: Barrikaden in der sächsischen Hauptstadt

Auch der sächsische König hatte die Reichsverfassung abgelehnt. Am 3. Mai 1849 schlug der Protest in Dresden in einen offenen Aufstand um, den Dresdner Maiaufstand. Aufständische stürmten das Zeughaus, bewaffnete Turner besetzten das Landtagsgebäude. Nach der Flucht des Königs bildeten Samuel Erdmann Tzschirner, Otto Leonhard Heubner und Carl Gotthelf Todt, Mitglieder des aufgelösten Landtags, eine provisorische Regierung.

Unter den Aufständischen waren Männer, deren Namen bis heute bekannt sind: der russische Revolutionär Michail Bakunin, der den Aufstand mit anführte, der Komponist Richard Wagner und der Architekt Gottfried Semper. Vom 7. bis 9. Mai schlugen sächsische und preußische Truppen unter Oberst Friedrich von Waldersee den Aufstand in Barrikadenkämpfen nieder. Die Truppen zählten 31 Tote. Auf Seiten der Aufständischen starben nach einer Schätzung rund 250 Menschen.

Bakunin wurde zum Tode verurteilt. Die Strafe wurde in lebenslange Haft umgewandelt, später lieferte man ihn an Russland aus. Wagner und Semper konnten fliehen.

Der Kampf um die Verfassung in Baden: der Trailer zum Kinofilm

Rheinland und Westfalen: Die Landwehr verweigert sich

Im Westen Preußens traf der Konflikt die Landwehr. Ab dem 5. Mai rief die Regierung die Reservisten zu den Waffen. In Elberfeld im Bergischen Land erklärten Landwehrmänner die Regierung für volksfeindlich. Als am 9. Mai reguläre Truppen in die Stadt einrückten, entstanden Barrikaden, und bei Zusammenstößen am Abend starben mehrere Menschen. Am 10. Mai zogen die Truppen ab. Ein Sicherheitsausschuss übernahm die Macht, 2.000 bis 3.000 Freiwillige strömten in die Stadt.

Aus Köln kam Friedrich Engels hinzu. Er leitete die Befestigungsarbeiten und die Artillerie und wollte statt der schwarz-rot-goldenen die rote Fahne hissen. Schließlich wies ihn der Sicherheitsausschuss aus der Stadt.

Am 17. Mai zog der militärische Leiter Otto von Mirbach mit seinen Leuten in die Pfalz ab, am 19. Mai besetzten preußische Truppen Elberfeld. Ähnlich erging es den Erhebungen in Iserlohn, Solingen und Prüm. Am 10. Mai scheiterte in Siegburg ein Sturm auf das Zeughaus. Dabei waren auch der Bonner Professor Gottfried Kinkel und sein Student Carl Schurz, die sich danach der Revolution in der Pfalz und in Baden anschlossen.

Die Pfalz: Volkswehren für die Verfassung

In der Pfalz, die damals zu Bayern gehörte, versammelten sich am 1. Mai 1849 rund 12.000 Menschen in Kaiserslautern. Am nächsten Tag setzten sie einen zehnköpfigen Landesverteidigungsausschuss ein, der die Reichsverfassung verteidigen sollte. Eine Republik riefen sie nicht aus. Doch Volkswehren wurden aufgestellt, und auch bayerische Soldaten schlossen sich an. Am 17. Mai wählten Vertreter der Kantone eine provisorische Regierung unter Joseph Martin Reichard, die die Trennung von Bayern vorbereitete. Schon am folgenden Tag schloss die Pfalz ein Bündnis mit Baden.

Lange hielt die Bewegung nicht. Am 11. Juni überschritt die preußische Vorhut bei Kreuznach die Grenze, die Armee unter Generalleutnant Moritz von Hirschfeld zählte rund 19.000 Mann. Nach dem Gefecht bei Kirchheimbolanden am 14. Juni floh die provisorische Regierung. Am 18. Juni zogen die Reste der pfälzischen Revolutionsarmee über die Knielinger Rheinbrücke nach Baden, einen Tag später folgte als Nachhut das Freikorps von August Willich.

Baden: Das ganze Land steht auf

Nirgends ging die Bewegung so weit wie in Baden. „In Baden erfasste der Aufstand nicht nur eine Stadt oder eine Region, sondern das ganze Land“, schreibt das Bundesarchiv. Ab dem 9. Mai verbrüderten sich in der Bundesfestung Rastatt Soldaten mit der Bürgerwehr. Am 13. Mai verlangte die Landesversammlung in Offenburg die unbedingte Anerkennung der Reichsverfassung, am Abend wurden in Rastatt Bürgerwehr und Soldaten auf sie vereidigt. In der Nacht darauf floh Großherzog Leopold aus Karlsruhe.

Luftaufnahme von Offenburg mit Kirchtürmen, dahinter die Berge des Schwarzwalds
Offenburg von oben. Am 13. Mai 1849 verlangte hier die Landesversammlung die unbedingte Anerkennung der Reichsverfassung. Aufnahme aus „48/49 – Revolution in Baden.“ © visiris GmbH

So wurde Baden, wie es das Bundesarchiv formuliert, zu einem letzten Zentrum der Revolution in Deutschland. Am 1. Juni bildete sich eine provisorische Regierung unter Lorenz Brentano. Am 10. Juni trat eine verfassunggebende Versammlung zusammen, das erste deutsche Parlament, das nach allgemeinem, gleichem, direktem und geheimem Wahlrecht für Männer gewählt worden war.

Das Rumpfparlament: Letzte Sitzungen in Stuttgart

Auch die Nationalversammlung zerfiel. Nachdem Preußen und andere Staaten ihre Abgeordneten abberufen hatten, senkten die Verbliebenen am 26. Mai 1849 die Zahl der nötigen Anwesenden auf 100. Am 30. Mai beschlossen sie, nach Stuttgart umzuziehen. Württemberg hatte die Verfassung anerkannt und lag weit genug vom preußischen Einfluss entfernt. Vom 6. Juni an tagte dieses Rumpfparlament unter seinem Präsidenten Wilhelm Loewe. Es erklärte die Frankfurter Zentralgewalt für abgesetzt und setzte eine provisorische Reichsregentschaft ein.

Doch die württembergische Regierung wandte sich gegen die Versammlung, beunruhigt über ihre Radikalisierung und die nahen Aufstände in Baden und der Pfalz. Am 18. Juni besetzten württembergische Truppen den Sitzungssaal und lösten einen Demonstrationszug der Abgeordneten auf. Die Reichsregentschaft zog durch Baden weiter und war bis zum 30. Juni in die Schweiz geflohen.

Preußen schlägt die Reichsverfassungskampagne nieder

Wo immer sich Menschen für die Verfassung erhoben, standen ihnen am Ende vor allem preußische Truppen gegenüber. In Dresden kämpften sie an der Seite der Sachsen, im Rheinland und in Westfalen schlugen sie die Aufstände im eigenen Land nieder, im Juni marschierten sie in die Pfalz und nach Baden. Den Oberbefehl über die preußischen Truppen in Baden führte der Bruder des Königs, Prinz Wilhelm von Preußen, der spätere Kaiser Wilhelm I. Bei den Demokraten hieß er nur der „Kartätschenprinz“.

Vier preußische Soldaten mit Pickelhauben und Gewehren gehen über eine Wiese auf ein Dorf zu
Preußische Truppen rücken an. Nachstellung für „48/49 – Revolution in Baden.“ © visiris GmbH

Am 20. Juni setzten die Preußen bei Germersheim über den Rhein, am 21. Juni siegten sie bei Waghäusel. Danach blieb der Revolutionsarmee nur noch der Rückzug: an die Murg, in die Festung Rastatt und schließlich in die Schweiz. Am 23. Juli 1849 kapitulierte Rastatt, die letzte Bastion der badischen Revolutionäre. Mit diesem Tag endete die Reichsverfassungskampagne.

Friedrich Engels, der den Feldzug in der Pfalz und in Baden als Adjutant Willichs mitgemacht hatte, gab seiner Darstellung dieser Monate den Titel „Die deutsche Reichsverfassungskampagne“. Eine Übersicht bietet der Wikipedia-Artikel zur Reichsverfassungskampagne.

Fazit: Warum die Reichsverfassungskampagne scheiterte

Die Reichsverfassungskampagne hatte ein gemeinsames Ziel, aber keine gemeinsame Führung. Sie bestand aus vielen einzelnen Erhebungen, die zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten ausbrachen und nacheinander niedergeschlagen wurden. Den Armeen Preußens und seiner Verbündeten hatten Bürgerwehren, Turner und Freischärler auf Dauer wenig entgegenzusetzen. Und doch kämpften sie für etwas, das blieb: Die Grundrechte der Paulskirchenverfassung wurden später zum Vorbild für die Weimarer Verfassung und das Grundgesetz.

Wie die preußischen Truppen im Juni 1849 nach Baden vorrückten und die Revolutionsarmee zum Rückzug zwangen, zeigt das nächste Kapitel: Die Schlacht bei Waghäusel.

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So ist dieser Text entstanden: mit Unterstützung von künstlicher Intelligenz und mit dem Wissen der Filmemacher von visiris. Für unseren Dokumentarfilm „48/49 – Revolution in Baden.“ haben wir sieben Jahre lang recherchiert, Historikerinnen und Historiker interviewt und an den Originalschauplätzen gedreht. Viele Inhalte unserer Geschichtstexte haben wir selbst zusammengefasst. Jeden Text prüfen und überarbeiten wir, und für seinen Inhalt stehen wir ein. Ist Ihnen ein Fehler aufgefallen? Schreiben Sie uns an info@badische-revolution.de.

Quellen und Literatur

  1. Wikipedia: Reichsverfassungskampagne. https://de.wikipedia.org/wiki/Reichsverfassungskampagne
  2. Wikipedia: Frankfurter Reichsverfassung. https://de.wikipedia.org/wiki/Frankfurter_Reichsverfassung
  3. Wikipedia: Dresdner Maiaufstand. https://de.wikipedia.org/wiki/Dresdner_Maiaufstand
  4. Wikipedia: Elberfelder Aufstand. https://de.wikipedia.org/wiki/Elberfelder_Aufstand
  5. Wikipedia: Pfälzischer Aufstand. https://de.wikipedia.org/wiki/Pflzischer_Aufstand
  6. Wikipedia: Rumpfparlament (Deutschland). https://de.wikipedia.org/wiki/Rumpfparlament_(Deutschland)
  7. Wikipedia: Gottfried Kinkel (Schriftsteller). https://de.wikipedia.org/wiki/Gottfried_Kinkel_(Schriftsteller)
  8. Wikipedia: Carl Schurz. https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Schurz
  9. Wikipedia: Badische Revolution. https://de.wikipedia.org/wiki/Badische_Revolution
  10. Bundesarchiv: Schlaglichter einer Revolution, Mai 1849. https://www.bundesarchiv.de/themen-entdecken/online-entdecken/storys/schlaglichter-einer-revolution/mai-1849/
  11. Bundesarchiv: Schlaglichter einer Revolution, Juni 1849. https://www.bundesarchiv.de/themen-entdecken/online-entdecken/storys/schlaglichter-einer-revolution/juni-1849/
  12. Friedrich Engels: Die deutsche Reichsverfassungskampagne. Hamburg 1850.

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